M. Horkheimer, Th. W. Adorno „Dialektik der Aufklärung“, 1944. Reclam 1989
20. Dezember 1991
- S.16 „Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen.“ „Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt.“
S.17 „…der Verstand, der den Aberglauben besiegt, soll über die entzauberte Natur gebieten. Das Wissen, das Macht ist, kennt keine Schranken, weder in der Versklavung der Kreatur, noch in der Willfährigkeit gegen die Herren der Welt.“ „Was die Menschen von der Natur lernen wollen, ist, sie anzuwenden, um sie und die Menschen vollends zu beherrschen.“
S.18 „Auf dem Weg zur neuzeitlichen Wissenschaft leisten die Menschen auf Sinn Verzicht.. Sie ersetzen den Begriff durch die Formel, Ursache durch Regel und Wahrscheinlichkeit.“
S.19 „Was dem Maß von Berechenbarkeit und Nützlichkeit sich nicht fügen will, gilt der Aufklärung für verdächtig. Darf sie sich einmal ungestört von auswendiger Unterdrückung entfalten, so ist kein Halten mehr. Ihren eigenen Ideen von Menschrecht ergeht es dabei nicht anders als den älteren Universalien. An jedem geistigen Widerstand, den sie findet, vermehrt sich bloß ihre Stärke. Das rührt daher, daß Aufklärung auch in den Mythen noch sich selbst wiedererkennt. Auf welche Mythen der Widerstand sich immer berufen mag, schon dadurch, daß sie in solchem Gegensatz zu Argumenten werden, bekennen sie sich zum Prinzip der zersetzenden Rationalität, das sie der Aufklärung vorwerfen. Aufklärung ist totalitär.“
AUFKLÄRUNG IST TOTALITÄR – drei Worte für reichlich einhundert Jahre Wachstum, Nullwachstum, Minuswachstum. Und? Die Wissenschaft zumindest kennt inzwischen ihre Grenzen. Nur der kleinste Teil der Welt gilt noch als berechenbar, und was davon dauerhaft nützlich, ist streitbar geworden. Was die Aufklärung begann – den Zusammenhang zu begreifen, den allmächtigen Mechanismus der Ohnmächtigkeiten, ist leicht geworden, ist die alltägliche, den Menschen verdinglichende Produktion. Ist alles andere tot? Der Mathematik sind inzwischen Formeln bekannt, die unvorhersagbare Ergebnisse liefern: Modelle des Lebendigen?
- S.20 „Als Sein und Geschehen wird von der Aufklärung vorweg nur erkannt, was durch Einheit sich erfassen läßt; ihr Ideal ist das System, aus dem alles und jedes folgt.“
Du könntest dich auch mal mit mehr praktischen sachen beschäftigen, nicht mit so langweiligen theoretischen… Und warum langweilt dich das nicht? Na weil du verliebt bist… und das langweilt dich nun wieder.
- S.20 „Bacons Postulat der Una scientia universalis ist bei allem Pluralismus der Forschungsgebiete dem Unverbindbaren so feind wie die Leibnitzsche Mathesis universalis dem Sprung.“
Während von der Kernforschung bis zur Kosmologie noch weiter nach der Einheit der Welt gefragt wird, nach Krabats Formel der Macht, nach dem Glücksland ohne Wider, ertönen ringsum Antworten auf die ungestellten Fragen, den meisten unverständlich und darum bedrohlich…
- S.22 „Als Gebieter über Natur gleichen sich der schaffende Gott und der ordnende Geist. Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen besteht in der Souveränität übers Dasein, im Blick des Herrn, im Kommando. Der Mythos geht in die Aufklärung über und die Natur in bloße Objektivität. Die Menschen bezahlen die Vermehrung ihrer Macht mit der Entfremdung von dem, worüber sie die Macht ausüben. Die Aufklärung verhält sich zu den Dingen wie der Diktator zu den Menschen. Er kennt sie, insofern er sie manipulieren kann. Der Mann der Wissenschaft kennt die Dinge, insofern er sie machen kann. Dadurch wird ihr An sich Für ihn. In der Verwandlung enthüllt sich das Wesen der Dinge immer als je dasselbe, als Substrat von Herrschaft.. Diese Identität konstruiert die Einheit der Natur. Sie sowenig wie die Einheit des Subjekts war von der magischen Beschwörung vorausgesetzt. … Magie ist blutige Unwahrheit, aber in ihr wird Herrschaft noch nicht dadurch verleugnet, daß sie sich, in die reine Wahrheit transformiert, der ihr verfallenen Welt zugrunde legt.“
Die Fahrten nach Gießen, Wetzlar, Lich: und immer das Gefühl des überflüssigen, des Verlustes… verlorene Zeit in der Sucht nach dBase? Was macht diese Rechner so anziehend? In ihnen ein System rein logischen Geistes, erforschbar, nutzbar… nicht mehr Befragung der Natur, sondern Experimente mit dem völlig Gegenstandslosem.
– …! <> Was machst du hier?
– Ich lese mein Buch, ich habe mich die ganzen Tage darauf gefreut… und es ist nichts geworden: ich glaube, ich muß gleich früh beginnen, die Tage machen so leer, die Programme, die Sprache der Logik
– Und wozu dann der Rechner?
– Da sind die Texte drauf, und die Rechnungen…
– Welche texte, ich denke du liest?
– …die ich brauche beim Lesen.
– Komm doch mit hoch, ich brauche dich beim Übersetzen!
– Nein, später. Ich möchte jetzt hier sein, allein.
– … du bist langweilig!
Zwei so verschiedene Lieben: Während unhaltbare Wortsuche, gesteigert zum Wahn Kreislauf Wut Vorwurf Befriedigung Angst, durchbrochen von einigen klaren Augenblicken und immer noch sich in Wellen steigernder Lust, auch und besonders nach jenem rätselHaften Verlangen den anderen Körper zu quälen: Schweig endlich! Sprich!, wenn Fingerkrallen sich lächerlich schmerzhaft der Haut bemächtigen und des Haares, die Körper glühendes Glas. Und, immer noch vor dem Schmelzpunkt, der Bruch, ein Abschrecken, das spröd macht und starr, in die Lautlosigkeit kreischt zitternd die erste Hand auf dem gläsernen anderen Körper: komm zurück. Werde Du!
Und das lange Schweigen in dem kurzen Begegnen, begierig auf jeden Klang, die wenigen Worte vor dem Versinken: und die Sprache bleibt sich steigernde Andeutung, Erwartung… und will sich von der Begegnung lösen: Gib mir zu lesen!
- S.25 „Je weiter aber die magische Illusion entschwindet, um so unerbittlicher hält Wiederholung unter dem Titel Gesetzlichkeit den Menschen in jenem Kreislauf fest, durch dessen Vergegenständlichung im Naturgesetz er sich als freies Subjekt gesichert wähnt.“
Was aber ist, wenn diese Wiederholung nicht aus der Gesetzlichkeit, sondern nur aus der übermäßigen Vereinfachung derselben Gesetzmäßigkeit folgt?
Eine Zeit während des Studiums war da die Aufgabe, die Bildung einiger recht eigenwilliger Korrosionserscheinungen in Kernreaktoren nachzurechnen. Da wurde beobachtet, daß Metallstreifen im Reaktor nicht gleichmäßig sich mit einer Oxidschicht überziehen, sondern daß diese ein Muster aufweist. Dabei waren Metalloberfläche und Wasserströmung völlig gleichmäßig, ohne feste Struktur… Nach Physik und Chemie bestand keine Ursache für die Bildung sichtbarer Makrostrukturen. Nun traf zusammen, daß Albert Iwanowitsch schon einiges aus der Thermodynamik Ilja Prigogines gelesen hatte und du zufällig an Lomov und seine mathematischen Beschreibungen von Grenzschichten und instabilen Zuständen geraten war – wir versuchten die Sache zu lösen, indem wir in den entsprechenden Gleichungen einen Summanden von eigentlich verschwindend geringer Größe nicht wie bisher vernachlässigten. Ungefähr als ob man ein Loch in der Haushaltsrechnung durch das Berücksichtigen der Ausgaben für Streichhölzer erklären könnte. Unser Summand war der Diffusionsweg der einzelnen Moleküle im Wasser.
Die unmittelbare Folge war, daß die Differenzialgleichungen sich daraufhin nicht mehr lösen ließen. Daran konnten auch monatelange Rechnungen nichts ändern. Dafür wurde immer klarer, daß die Gleichungen nun etwas völlig anderes beschrieben – allerdings auch nur unter den extremen Bedingungen eines Reaktors, dessen hohe Strahlung zu intensiven Reaktionen im Wasser führte. Dabei schienen die einzelnen reagierenden Moleküle über für sie selbst unüberwindbare Entfernungen Informationen auszutauschen, so daß sie untereinander die Entstehung eines Musters „vereinbaren“ konnten, dessen Größe weit über dem Wirkungskreis des einzelnen Teilchens lag. Die chaotischen Bewegungen unzähliger Teilchen bildeten kein allgemeines Chaos, keine unterschiedslose Oxidschicht, sondern eine klare Ordnung. Mit unseren Mitteln war da nichts mehr zu rechnen.
Soweit deine erste Begegnung mit den chaotischen Wissenschaften. Später last du bei llja Prigogine, daß das Leben voll solcher Erscheinungen ist – eindeutige Gesetzmäßigkeiten werden in ihrer Wiederholbarkeit durchbrochen, indem bislang vernachlässigbare Einflüsse sich gegenseitig beeinflussen, sich verstärken und zu völlig Neuem führen. Neue Gesetze entstehen. Dieses Neue hat dabei zahllose Möglichkeiten seiner Gestaltung. Welche es davon annimmt, bleibt unbestimmbar. Und die Zeit tritt auf als Richtung des Zerfalls: etwas läuft ab. Am Ende jeder Zeit aber beginnt eine weitere, nie dagewesene… Immerhin: das alles ist auch Mathematik.
Heute: über acht Stunden hat’s gedauert, bis der Rechner endlich kyrillisch von seiner eigenen Tastatur verstand; warum läuft eigentlich früh halb vier hier immer noch irgendwo ein Radio?
Gestern: Wodka und ein halbes dutzend Leute, die über Sibirienreisen verhandeln, machen lange schlafen; als die Gesprächsrunde nebenan sich zerstreut, ist es drei Uhr, diesmal tags; das Buch aber bleibt weiter liegen, denn schon füllt sich die Küche: während Andrej und Mischa ihre Wagen beladen, bleibt noch Zeit für einen Tee, mal setzt sich Olja zu uns, dann kommt Jura auf eine Zigarette – es wird dunkel und nach und nach treffen alle wieder ein. Es wird eng. An Abfahrt aber ist noch lange nicht zu denken. Noch fehlen Papiere, dann ist Jura verschwunden, plötzlich ist in einem der Kanister das falsche Benzin: wie wird man Benzin los? Auf der Straße will’s keiner haben – schließlich füllt Mischa das Zeug in seinen zurückbleibenden Trabant.
Als du zum ersten Mal von der logistischen Gleichung last, der einfachsten Gleichung zur Beschreibung einer Entwicklung, konntest du nur glauben, was dort geschrieben stand. Inzwischen ist es fast ein Spiel geworden, der gleichen auf dem Rechner nachzuprüfen. Die Gleichung ist denkbar einfach: x(1) ist der z.B. die Anzahl von Lebewesen heute (in Prozent der maximal möglichen Zahl), x(2) morgen und x(n) in n Tagen.
Dann ist die Stärke der jeweils nächsten Generationx(n+1) das Produkt aus einem Entwicklungsfaktor 4*A, der Stärke der vorhergehenden Generation x(n) und dem verbleibenden Lebensmittelvorrat. Dieser Vorrat ist [100% – x(n)], ist also um so kleiner, je mehr Lebewesen der vorigen Generation davon gelebt haben. In Kurzform:
x(2) = 4*A * x(1) * [100% – x(1)],
x(3) = 4*A * x(2) * [100% – x(2)],
usw. oder allgemein:
x(n+1)= 4*A * x(n) * [100% – x(n)].
Der Entwicklungsfaktor4*A beschreibt, wie günstig die übrigen Lebensbedingungen wie z.B. das Klima sind. Solange A nun kleiner ist als 75%, bleibt die Anzahl der Lebewesen über die Generationen hin unverändert. Wird A größer 75%, so schwankt die Anzahlx(n) stets zwischen zwei Werten, z.B. 50% und 80%. Wächst A noch weiter, so kommen bereits 4 sich abwechselnde Generationsstärken vor, und so immer fort… bis dann ab einem Wert für A von ungefähr 90% plötzlich völliges Chaos auftritt: die Generationsstärken nehmen alle möglichen Werte an, ohne daß sich ein Gesetz oder Zyklus dabei einstellt. Ein Ergebniss wie beim Würfeln – alle Werte treten gleich häufig, aber willkürlich hintereinander auf. Und das, obwohl die mathematische Gleichung völlig eindeutig und ohne Zufall ist…
Bereiche mit unvorhersagbarem Verhalten weisen bei tieferer Betrachtung die meisten Gleichungen auf, welche die Natur beschreiben, das gilt für die Himmelsmechanik bis hin zur Atomphysik. Kehrt an dieser Stelle nicht das Unbestimmbare in unser unumkehrbar wissenschaftlich gewordenes Leben zurück? Wird die magische Illusion Wirklichkeit? Neben der Frage, was eigentlich Zeit ist, entsteht die Frage nach der Kraft des Lebens. Wenn schon keine zwingende Notwendigkeit des Unterganges mehr aus der Wissenschaft folgt, noch die Langeweile ewigen Gleichseins – welche Hoffnung haben wir dann?
Die Aufklärung, welche die Menschen zu Herrschern machte, ohne ihnen einen Glauben zu lassen, führt sich selbst aus der toten Gleichförmigkeit heraus und bedarf plötzlich wieder des Unmeßbaren, des Schauens – des Glaubens.
- S.27 „In der Ablösung des magischen Erbes, der alten diffusen Vorstellungen, durch die begriffliche Einheit drückt sich die durch Befehl gegliederte, von den Freien bestimmte Fassung des Lebens aus. Das Selbst, das die Ordnung und Unterordnung an der Unterwerfung der Welt lernte, hat bald Wahrheit überhaupt mit dem disponierendem Denken ineinsgesetzt, ohne dessen feste Unterscheidung sie nicht bestehen kann.“
…es ist dir bislang nicht gelungen, Wahrheit in festen Unterscheidungen zu empfinden, es sei denn wiederum in der Mathematik, doch bei ihr kommt es nur auf das in-sich-wahr-sein an, die Widerspruchsfreiheit, nicht auf die Wahrheit der Abbildung der äußeren Welt. Vertrauter erscheint zunächst das Denken in Widersprüchen…
- S.27/28 „Himmel und Hölle aber hingen zusammen. Wie der Name des Zeus in Kulten, die einander nicht ausschlossen, einem unterirdischen wie einem Lichtgott gleichkam, wie die olympischen Götter mit den chthoischen jede Art Umgang pflogen, so waren die guten und schlechten Mächte, Heil und Unheil nicht eindeutig voneinander geschieden. Sie waren verkettet, wie Entstehen und Vergehen, Leben und Tod, Sommer und Winter. In der hellen Welt der griechischen Religion lebt die trübe Ungeschiedenheit des religiösen Prinzips fort, das in den frühesten bekannten Stadien der Menschheit als Mana verehrt wurde. Primär, undifferenziert ist alles Unbekannte, Fremde; das was den Erfahrungskreis transzendiert, was an den Dingen mehr ist als ihr vorweg bekanntes Dasein. Was der Primitive dabei als Übernatürlich erfährt, ist keine geistige Substanz als Gegensatz zur materiellen, sondern die Verschlungenheit des Natürlichem gegenüber dem einzelnen Glied.“
Das Unbekannte, was uns heute in Folge menschliches Denkens und Tuns erwartet, ist vielleicht gefährlicher noch als die ursprünglichen todbringenden Mächte, betrifft es doch viel mehr, wenn nicht alle Menschen zugleich. Die diesem wachsenden Drohen entsprechend gesteigerte Angst bleibt jedoch weitestgehend aus: das Unbekannte ist in eine unfaßbare Ferne gerückt – die alltäglichen Ängste lassen dafür keinen Raum.
Auch den Wissenden erscheint die ungewisse Zukunft nicht als drohende böse Macht. Im Gegenteil – eine Reihe von ihnen schöpft gerade aus der Erkenntnis der Ungewißheit, der Nicht-Zwangsläufigkeit, ihren Optimismus. Warum? Weil einfach diese Ungewißheit die stete Möglichkeit in sich birgt, durch kleinste Kräfte zu neuem Leben zu finden. Vielleicht wie sich an mancher Gleichung zeigen läßt: geringfügige Änderungen an der richtigen Stelle führen zu neuen Gesetzen, in eine andere Welt. Der Einzelne braucht nicht mehr ohnmächtig zu sein…
Im übrigen erscheint hier auch keine Gefahr des Mißbrauches dieses Wissens für eine weitere Zeit der Herrschaft gegeben – Herrschaft schließt das vielfältige Wirken der Geringen ja gerade aus.
Und nun vom DENKEN zur SPRACHE, welche das Denken trägt:
- S.28/29 „Die Verdoppelung der Natur in Schein und Wesen, Wirkung und Kraft, die den Mythos sowohl wie die Wissenschaft erst möglich macht, stammt aus der Angst des Menschen, deren Ausdruck zur Erklärung wird. Nicht die Seele wird in die Natur verlegt, wie der Psychologismus glauben macht; Mana, der bewegende Geist, ist keine Projektion, sondern das Echo der realen Übermacht der Natur in den schwachen Seelen der Wilden. Die Spaltung von Belebtem und Unbelebtem, die Besetzung bestimmter Orte mit Dämonen und Gottheiten, entspringt erst aus diesem Präanimismus. In ihm ist selbst die Trennung von Subjekt und Objekt schon angelegt. Wenn der Baum nicht mehr bloß als Baum, sondern als Zeugnis für ein anderes, als Sitz des Mana angesprochen wird, drückt die Sprache den Widerspruch aus, daß nämlich etwas es selber und zugleich etwas anderes als es selber sei, identisch und nicht identisch. Durch die Gottheit wird die Sprache aus der Tautologie zur Sprache. Der Begriff, den man gern als Merkmalseinheit des darunter Befaßten definiert, was vielmehr seit Beginn das Produkt dialektischen Denkens, worin jedes stets nur ist, was es ist, indem es zu dem wird, was es nicht ist.“
…und so auch die Selbstbeschreibung alttestamentarischer Texte als die Visionen gottbesessener Menschen. Die ungeheure Bildhaftigkeit ihrer Sprache – Ausdruck unzähliger kleinster Erfahrungen und vielgestaltiger Ängste – beherrbergt ein Denken vom unfaßbarer räumlicher und zeitlicher Weite. Sie benennen es das Göttliche und empfinden es als den Ursprung. Und so ist es zugleich Widerspiegelung, Weissagung und Triebkraft des Lebens.
ANGST
- S.29 „Der Furcht wähnt er ledig zu sein, wenn es nichts Unbekanntes mehr gibt.“ … „Aufklärung ist die radikal gewordene, mythische Angst.“ … „Die vom Mana durchherrschte Welt und noch die des indischen und griechischen Mythos sind ausweglos und ewig gleich. Alle Geburt wird mit dem Tod bezahlt, jedes Glück mit Unglück.
S.29/30 „Selbst ihre Gerechtigkeit noch, die dem Verhängnis abgerungen ist, trägt seine Züge; sie entspricht dem Blick, den die Menschen, Primitive sowohl wie Griechen und Barbaren, aus einer Gesellschaft des Drucks und Elends auf dei Umwelt werfen. Daher gelten denn der mythischen wie der aufgeklärten Gerechtigkeit Schuld und Buße, Glück und Unglück als Seiten einer Gleichung. Gerechtigkeit geht unter in Recht.“
ZEICHEN und BILD
- S.30 „Die Lehre der Priester war symbolisch in dem Sinn, daß in ihr Zeichen und Bild zusammenfielen.“
S.31 „Als Zeichen kommt das Wort an die Wissenschaft; als Ton, als Bild, als eigentliches Wort wird es unter die verschiedenen Künste aufgeteilt, ohne daß es sich durch deren Addition, durch Synästhesie oder Gesamtkunst je wieder herstellen ließe. Als Zeichen soll die Sprache zur Kalkulation resignieren, um Natur zu erkennen, den Anspruch ablegen, ihr ähnlich zu sein. Als Bild soll sie zum Abbild resignieren, um ganz Natur zu sein, den Anspruch ablegen, sie zu erkennen.“
S.32 „… Kunst habe ihre Nützlichkeit erst zu erweisen.“ (nach Platon) „Das Kunstwerk hat es noch mit der Zauberei gemeinsam, einen eigenen, in sich abgeschlossenen Bereich zu setzen, der dem Zusammenhang profanen Denkens entrückt ist.“
Und was lehrten die Schulen im So-Zieh-alismus? Kunst ist Waffe. Die Wissenschaft ist eine Produktivkraft… Schade drum: als Möglichkeit gedacht, wäre dies eine Erkenntnis gewesen.
GLAUBE
- S.33 „Nach Schelling setzt die Kunst da ein, wo das Wissen die Menschen im Stich läßt.“ … „Solchem Vertrauen war die bürgerliche Welt nur selten offen. Wo sie das Wissen einschränkte, geschah es in der Regel nicht, um für die Kunst, sondern um zum Glauben Platz zu bekommen. Durch ihn behauptete die militante Religiosität des neuen Zeitalters, Torquemada, Luther, Mohammed, Geist und Dasein zu versöhnen. Aber Glaube ist ein privativer Begriff: er wird als Glaube vernichtet, wenn er seinen Gegensatz zum Wissen oder seine Übereinstimmung mit ihm nicht fortwährend hervorkehrt. Indem er auf die Einschränkung des Wissens angewiesen bleibt, ist er selbst eingeschränkt. Den im Protestantismus unternommenen Versuch des Glaubens, das ihm transzendente Prinzip der Wahrheit, ohne das er nicht bestehen kann, wie in der Vorzeit unmittelbar im Wort selbst zu finden und diesem die symbolische Gewalt zurückzugeben, hat er mit dem Gehorsam aufs Wort, und zwar nicht aufs heilige, bezahlt.“
Der bisher letzte mißlungene Versuch Denken und Glauben dauerhaft der Macht dienbar zu machen wären dann die verschiedenen Ideologien – die düsteren und gewaltigen, wie auch die gerade erst entmachteten selbsterleuchteten und gemeinwohltätigen. War die Gleichsetzung von Wissen und Glaube nun die letze Stufe ihrer Trennung?
- S.34 „Die Paradoxie des Glaubens entartet schließlich zum Schwindel, zum Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts und seine Irrationalität zur rationalen Veranstaltung in der Hand der restlos Aufgeklärten, welche die Gesellschaft ohnehin zur Barberei hinsteuern.“
S.35/36 „Die Symbole nehmen den Ausdruck des Fetischs an. Die Wiederholung des Natur, die sie bedeuten, erweist im Fortgang stets sich als die von ihnen repräsentierte Permanenz des gesellschaftlichen Zwangs. Der zum festen Bild vergegenständlichte Schauder wird zum Zeichen der verfestigten Herrschaft von Privelegierten. Das aber bleiben die allgemeinen Begriffe, auch wenn sie alles Bildlichen sich entäußert haben. Noch die deduktive Form der Wissenschaft spiegelt Herrschaft und Zwang.“ … „Die Arbeitsteilung, zu der sich die Herrschaft gesellschaftlich entfaltet, dient dem beherrschten Ganzen zur Selbsterhaltung.“… „Die Herrschaft tritt dem Einzelnen als das Allgemeine gegenüber, als die Vernunft in der Wirklichkeit.“ … „Was allen durch die Wenigen geschieht, vollzieht sich stets als Überwältigung Einzelner durch Viele: stets trägt die Unterdrückung der Gesellschaft zugleich die Züge der Unterdrückung durch ein Kollektiv.“
MATHEMATIK
- S.38/39 „Denn Aufklärung ist totalitär wie nur irgendein System. Nicht was ihre romantischen Feinde ihr seit je vorgeworfen haben, analytische Methode, Rückgang auf Elemente, Zersetzung durch Reflexion ist ihre Unwahrheit, sondern daß für sie der Prozeß von vornherein entschieden ist. Wenn im mathematischen Verfahren das Unbekannte zum Unbekannten einer Gleichung wird, ist es damit zum Altbekannten gestempelt, ehe noch ein Wert eingesetzt ist. Natur ist, vor und nach der Quantentheorie, das mathematisch zu Erfassende; selbst was nicht eingeht, Unauflöslichkeit und Irrationalität, wird von mathematischen Theoremen umstellt. In der vorwegnehmenden Identifikation der zu Ende gedachten mathematisierten Welt mit der Wahrheit meint Aufklärung vor der Rückkehr des Mystischen sicher zu sein. Sie setzt Denken und Mathematik eins. Dadurch wird diese gleichsam losgelassen, zur absoluten Instanz gemacht.“
Mit diesen Gedanken erklärt sich auf geniale Weise die Gefährlichkeit der herrschenden Wissenschaft des 20.Jahrhunderts. Dennoch ist hier wohl einiges überholt:
Das Unbekannte der mathematischen Gleichungen gibt sich nicht mehr zum Altbekannten her – zuviele Überraschungen, zuviele Zufälliges und völlig Neues verbirgt sich inzwischen hinter diesem Unbekannten. Die Mathematik kann nicht länger für die Verewiglichung der Herrschaft mißbraucht werden.
Natur ist nicht das mathematisch zu Erfassende, sondern Mathematik kann dem Natur-Denken behilflich sein.
Was in die chaosfreie Mathematik nicht einging, und von ihr durch Hinzunahme von Theoremen umschrieben werden mußte, geht inzwischen aus der Mathematik hervor: der Zufall, die Unauflöslichkeit, das Unvorherdenkbare, und zwar nicht als Ergebnis, sondern als angezeigte Möglichkeit.
Eine mathematisierte Welt ist nicht länger vor dem Unbestimmbaren sicher.
Denken und Mathematik kommen sich näher, so wie die Mathematik der Natur näher kommt. Sie können nicht eins werden, da die Auswahl aus all den mathematischen Möglichkeiten eben doch des menschlichen Denkens bedarf – oder aber die Gesellschaft würde sich in völligem Chaos auflösen. Gleichzeitig endet hier die Herrschaft der Mathematik.
- S.41 „… – der ganze Anspruch der Erkenntnis wird preisgegeben. Er besteht nicht im bloßen Wahrnehmen, Klassifizieren und Berechnen, sondern gerade in der bestimmenden Negation des Unmittelbaren. Der mathematische Formalismus aber, dessen Medium die Zahl, die abstraktestes Gestalt des Unmittelbaren ist, hält statt dessen den Gedanken bei der bloßen Unmittelbarkeit fest. Das Tatsächliche behält recht, die Erkenntnis beschränkt sich auf seine Wiederholung, der Gedanke macht sich zur bloßen Tautologie. Je mehr die Denkmaschinerie das Seiende sich unterwirft, um so blinder beschneidet sie sich bei dessen Reproduktion. Damit schlägt Aufklärung in die Mythologie zurück, der sie nie zu entrinnen wußte. Denn Mythologie hatte in ihren Gestalten die Essenz des Bestehenden: Kreislauf, Schicksal, Herrschaft der Welt als die Wahrheit zurückgespiegelt und der Hoffnung entsagt.“
Was hier der Mathematik noch vorgeworfen werden muß, gilt heute nicht mehr. Dient damit Mathematik nicht länger der Aufklärung? Sie hat das Kreislaufhafte überwunden, und damit einer neuen Hoffnung Raum gegeben…
Aus welcher geistigen Not heraus konnte nur die mathematische Eindeutigkeit als Erklärung des Lebens anerkannt werden?
PRODUKTION
- S.42/43 „Nicht bloß mit der Entfremdung des Menschen von den beherrschten Objekten wird für die Herrschaft bezahlt: mit der Versachlichung des Geistes wurden die Beziehungen der Menschen selber verhext, auch die jedes Einzelnen zu sich. Er schrumpft zum Knotenpunkt konventioneller Reaktionen und Funktionsweisen zusammen, die sachlich von ihm erwartet werden. Der Animismus hat die Sache beseelt, der Industrialismus versachlicht die Seelen. Der ökonomische Apparat stattet schon selbsttätig, vor der totalen Planung, die Waren mit den Werten aus, die über das Verhalten der Menschen entscheiden. Seit mit dem Ende des freien Tausches die Waren ihre ökonmischen Qualitäten einbüßten bis auf den Fetischcharakter, breitet dieser wie eine Starre über das Leben der Gesellschaft in all seinen Aspekten sich aus. Durch die ungezählten Agenturen der Massenproduktion und ihrer Kultur werden die genormten Verhaltensweisen dem Einzelnen als die allein natürlichen, anständigen, vernünftigen aufgepägt.“ … „Sein Maßstab ist die Selbsterhaltung, die gelungene oder mißlungene Angleichung an die Objektivität seiner Funktion und die Muster, die ihr gesetzt sind. Alles andere, Idee und Kriminalität, erfährt die Kraft des Kollektivs, das von der Schulklasse bis zur Gewerkschaft aufpaßt. Selbst das drohende Kollektiv gehört jedoch nur zur trügerischen Oberfläche, unter der die Mächte sich bergen, die es als gewalttätiges manipulieren.“ … „…die Menschen erwarten, daß die Welt, die ohne Ausgang ist, von einer Allheit in Brand gesetzt wird, die sie selber sind und über die sie nichts vermögen.“
Das ist genau die Beschreibung der bislang vorherrschende Struktur, die sich nach wie vor stabil reproduziert. Zwei Tendenzen stehen ihr inzwischen gegenüber: die zunehmende Vernichtung der natürlichen menschlichen Lebensgrundlagen als das „Inbrandsetzen der Welt“ und die, trotz immer noch wachsender Machtkonzentrationen, unübersehbar gewordenen Dezentralisierungsbestrebungen in den verschiedensten Lebensbereichen – so vom Entstehen einer Vielzahl von Schulsystemen, über die dezentrale Energieerzeugung, die Gründung von privaten Sendern bis zur abnehmenden Kontrollierbarkeit der Informationsverbreitung durch einfache und billige rechnergestützte Möglichkeiten der Vervielfältigung und des Datenaustausches, und insbesondere die Aufhebung standartisierten Formen der Liebe und des Zusammenlebens von Menschen… all das sind viele kleine Störungen im Althergebrachten, die in kommenden kritschen Situationen entscheidende Wirkung haben werden. Damit tuen die Menschen von selbst genau das, was auch die die Mathematik als notwendige Bedingung für Veränderungen fordert. Und ein Glück, daß niemand dabei an Mathematik denken muß!
- S.44 „Wer unmittelbar, ohne rationelle Beziehung auf Selbsterhaltung dem Leben sich überläßt, fällt nach dem Urteil von Aufklärung wie Protestantismus ins Vorgeschichtliche zurück.“ … „Der technische Prozeß, zu dem das Subjekt nach seiner Tilgung aus dem Bewußtsein sich versachlicht hat, ist frei von der Vieldeutigkeit des mystischen Denkens wie von allem Bedeuten überhaupt, weil Vernunft zum bloßen Hilfsmittel der allumfassenden Wirtschaftsapparatur wurde.“ … „Die Ausschließlichkeit der logischen Gesetze stammt aus solcher Einsinnigkeit der Funktion, in letzter Hinsicht aus dem Zwangscharakter der Selbsterhaltung. Diese spitzt sich immer wieder zu auf die Wahl zwischen Überleben und Untergang…“
Das tägliche Erschrecken, wenn wieder ein Freund einen Langzeit-Job in der großen Industrie annimmt. Würde er verhungern? Hunderte Funktionen der Gesellschaft drängen in diese Richtung: Steuern, Versicherungen aller Art, ob Kranken-, Arbeitslosen- oder Renten-, Hochschulabschlüsse, Titel, Konten, Mieten, …und nicht zuletzt die schulisch bedingte Unfähigkeit der in den Industriegesellschaften geborenen, sich unabhängig am Leben zu halten… Du glaubst nicht, daß die Auflösung dieser Industriegesellschaft ein ausschließlich bewußter oder gar von Parteien organisierter Prozeß sein kann. Vielmehr siehst du eine Selbstauflösung, indem einfach genügend Menschen ihre Unabhängigkeit wiedererlangen, indem sie einfach unindustriell, nach eigener Lust, handeln. Beispiele? Du siehst in manchem Naturwarengeschäft nicht ein Zehntel jener überflüssigen Dinge, die jeder Verbrauchermarkt anbietet. Menschen, die in einer größeren Gemeinschaft als die der bürgerlichen Familie leben, scheinen dir wesentlich weniger Geld für die Abfallindustrie auszugeben. „Bitte keine Werbung einwerfen!“ … … … Und dazu gehört eben auch ein „sich dem Leben überlassen“.
- S.45 „Wenn der Thoerie als einzige Norm das Ideal der Einheitswissenschaft verbleibt, muß die Praxis dem rückhaltlosen Betrieb der Weltgeschichte verfallen.“
Da die Voraussetzung sich hier nicht bewahrheitet hat, kann es auch gut anders kommen… Oder?
- S.46 „Die Menschen hatten immer zu wählen unter zwischen ihrer Unterwerfung unter Natur oder der Natur unter das Selbst.“
Zuerst war da die Unterwerfung der Natur als die unmittelbar lebensbedrohende Naturgewalt. Die selbstmörderische Steigerung war erst der Anspruch „Herrscher der Natur zu sein“. Als Leitsatz ist er zurückgenommen. Die träge Gesellschaft arbeitet weiter in dieser Richtung. Welches Verhältnis zur Natur ist nun möglich?
- S.47 „Solange Kunst darauf verzichtet, als Erkenntnis zu gelten, und sich dadurch von der Praxis abschließt, wird sie von der gesellschaftlichen Praxis toleriert wie die Lust.“
…dir erschien Kunst bislang immer als Erkenntnis; doch kann das auch an deinem schlechten Wissen um den Inhalt der Begriffe liegen. Aber was die Wissenschaft angeht: Ja. Und auch hier wieder hat es die staatstragende Gesellschaftswissenschaft zur Perfektion gebracht – der Kunst ward es zur einzigen Aufgabe, die Erkenntnisse der Wissenschaft sozialistisch realistisch zu bestätigen oder zumindest zu untermalen.
- S.48 „Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt.“ … „Die Angst, das Selbst zu verlieren und mit dem Selbst die Grenze zwischen Selbsterhaltung und -vernichtung aufzuheben, die Scheu vor Tod und Destruktion, ist einem Glücksversprechen verschwistert, von dem in jedem Augenblick die Zivilisation bedroht war. Ihr Weg war der von Gehorsam und Arbeit, über dem Erfüllung immerwährend bloß als Schein, als entmachtete Schönheit leuchtet.“
Die unablässige Erfindung von Paradiesen aller Art, zu denen nur ein Weg führte: Unterwerfung unter die Arbeit. Bis hin zur freiwilligen kommunistischen, mit der es jedoch nie so richtig produktiv werden wollte. So bist du also gerne faul…? Wohl doch nicht. Aber immerhin auch nicht gern fleißig. Es gibt da so eine Lust auch auf Arbeit, zumindest solange sich diese nicht fortlaufend wiederholt. Aber zum Wichtigeren: die Angst das Selbst zu verlieren – liegt nicht gerade darin, im sich verlieren, dahintreiben, sich eins fühlen… auch eine große Verlockung? Warum Angst? Vor dem „Danach“?
- S.48/49/50 (unmittelbar an obiges anschließend) „Der Gedanke des Odysseus, gleich feind dem eigenen Tod und eigenen Glück, weiß darum. Er kennt nur zwei Möglichkeiten des Entrinnens. Die eine schreibt er den Gefährten vor. Er verstopft ihnen die Ohren mit Wachs, und sie müssen nach Leibeskräften rudern. Wer bestehen will, darf nicht auf die Lockung des Unwiederbringlichen hören, und er vermag es nur, indem er sie nicht zu hören vermag. Dafür hat die Gesellschaft stets gesorgt. Frisch und konzentriert müssen die Arbeitenden nach vorwärts blicken und liegenlassen, was zur Seite liegt. Den Antrieb, der zur Ablenkung drängt, müssen sie verbissen in zusätzliche Anstrengung sublimieren. So werden sie praktisch.-Die andere Möglichkeit wählt Odysseus selber, der Grundherr, der die anderen für sich arbeiten läßt. Er hört, aber ohnmächtig an den Mast gebunden, und je größer die Lockung wird, um so stärker läßt er sich fesseln, so wie nachmals die Bürger auch sich selbst das Glück um so hartnäckiger verweigerten, je näher es ihnen mit dem Anwachsen der eigenen Macht rückte.“ … „Die Bande mit denen er sich unwiderruflich an die Praxis gefesselt hat, halten zugleich die Sirenen aus der Praxis fern: ihre Lockung wird zum bloßen Gegenstand der Kontemplation neutralisiert, zur Kunst. Der Gefesselte wohnt einem Konzert bei, reglos lauschend wie später die Konzertbesucher, und sein begeisterter Ruf nach Befreiung verhallt schon als Applaus. So treten Kunstgenuß und Handwerk im Abschied von der Vorwelt auseinander.“
„Unter den gegebenen Verhältnissen bedeutet das Ausgeschlossensein von Arbeit, nicht bloß bei Arbeitslosen, sondern selbst am sozialen Gegenpol, auch Verstümmelung. Die Oberen erfahren das Dasein, mit dem sie nicht mehr umzugehen brauchen, nur noch als Substrat und erstarren ganz zum kommandierenden Selbst.“ … „Odysseus wird in der Arbeit vertreten. Wie er der Lockung zur Selbstpreisgabe nicht nachgeben kann, so entbehrt er als Eigentümer zuletzt auch der Teilnahme an der Arbeit, schließlich selbst ihrer Lenkung, während freilich die Gefährten bei aller Nähe zu den Dingen die Arbeit nicht genießen können, weil sie sich unter Zwang, verzweifelt, bei gewaltsam verschlossenen Sinne vollzieht.“
Die ganze Geschichte ist nur solange Erklärung, wie die Arbeit nach Arbeitenden und Unterdrückern verlangt. Oder sollte die Mehrheit der Menschen stets zur Arbeit gezwungen werden müssen? Oder wird die Person des Herrschers gar durch Selbstunterdrückung ersetzt? Sollte dies so sein, erübrigt sich jeder weitere Gedanke. Dann wäre auch dieses Buch überflüssig.
Noch einmal PRODUKTION
- S.50 „Die Menschheit, deren Geschicklichkeit und Kenntnis mit der Arbeitsteilung sich differenziert, wird zugleich auf anthropologisch primitivere Stufen zurückgezwungen, denn die Dauer der Herrschaft bedingt bei technischer Erleichterung des Daseins die Fixierung der Instinkte durch verstärkte Unterdrückung. Die Phantasie verkümmert. Nicht daß die Individuen hinter der Gesellschaft oder ihrer materiellen Produktion zurückgeblieben seien, macht das Unheil aus. Wo die Entwicklung der Maschine in die der Herrschaftsmaschinierie schon umgeschlagen ist, so daß technische und gesellschaftliche Tendenz, von je verflochten, in der totalen Erfassung der Menschen konvergieren, vertreten die Zurückgebliebenen nicht bloß die Unwahrheit.“ … „Der Fluch des unaufhaltsamen Fortschritts ist die unaufhaltsame Regression.“
„Die Vereinheitlichung der intellektuellen Funktion, kraft welcher die Herrschaft über die Sinne sich vollzieht, die Resignation des Denkens zur Herstellung von Einstimmigkeit, bedeutet Verarmung des Denkens so gut wie der Erfahrung;…“ … „Je komplizierter und feiner die gesellschaftliche, ökonomische und wissenschaftliche Apparatur, auf deren Bedienung das Produktionssystem den Leib längst abgestimmt hat, um so verarmter die Erlebnisse deren er fähig ist.“ … „Durch die Vermittlung der totalen, alle Beziehungen und Regungen erfassenden Gesellschaft hindurch werden die Menschen zu eben dem wieder gemacht, wogegen sich das Entwicklungsgesetz der Gesellschaft, das Prinzip des Selbst gekehrt hatte: zu bloßen Gattungswesen, einander gleich durch Isolierung in der zwangshaft gelenkten Kollektivität.“
…um so deutlicher die Unsinnigkeit der sozialistischen Produktionsweise. Und die Idee der Selbstverwaltung kann kein Kommunismus für sich beanspruchen.
Leider hilft all diese Negativ-Erkenntnis noch nicht beim Weiterdenken, und beginnt also schon zu langweilen.
- S.56/57 „Schuld ist ein gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang. Der mythisch wissenschaftliche Respekt der Völker vor dem Gegebenen, das sie doch immerzu schaffen, wird schließlich selbst zur positiven Tatsache, zur Zwingburg, der gegenüber noch die revolutionäre Phantasie sich als Utopismus vor sich selber schämt und zum fügsamen Vertrauen auf die objektive Tendenz der Geschichte entartet.“
die letzte Nacht mit Kol’j am grossen Tisch, der vierzigkerzigen muedes elektrisches Licht ueberm Papier und endlos der Vorrat absurder russischer Dichtung, gestylte Anreihung unuebersetzbarer Empfindungen, die Worte rollen kaum hoerbar zwischen uns, erklaeren, naehern sich, brechen ab… greifen wieder nach einem neuen Text; ist die Bedeutung der Worte endlich gefunden, fehlt der Sinn, ein paar Brocken hält der Stift fest, andere prägen sich ein.
