Drittes Märchen

Hast du schon mal dieses Mädchen gesehen,
abseits gedrängt an einer Wand?
In ihren Augen ein leisestes Flehen:
Warum bin ich anders? Ist das ein Vergehen?
Und niemand begreift ihre träumende Hand.

Mal ruft man sie Waschbrett, mal lacht man sie aus.
Dies ist ungefährlich und so unentbehrlich
dem eigenen Gefühl, besser zu sein.
Ihr aber wird jeder Sommer zum Graus –
sie liebt Tanz und Strände, doch bleibt sie zu Haus.

Hast du schon mal diesen Jungen gesehen,
abseits gedrängt, an einer Wand?
In seinen Augen ein leisestes Flehen:
Warum bin ich anders? Ist das ein Vergehen?
Und niemand begreift seine träumende Hand.

Man drängt in die Disco – Musik liebt er sehr,
jedoch nicht die richtige, nicht dieses süchtige,
berauschende Tönen in schwindelnden Höhen.
Ihm aber wird jeder Abend so leer –
die Kopfhörer auf, träumt er Mädchen sich her.

Hast du schon mal diese beiden gesehen,
mitten im Leben Hand in Hand?
Die sich bei Tag und bei Nacht verstehen,
und die sich nie aneinander vergehen,
weil sie sich schamlos erkannt?

Man staunt ihnen nach, man lacht ihnen zu,
erkennt sie nicht wieder und ist selbst zu bieder,
einmal zu sein, wie sie ständig sind.
Sie aber brauchen nicht Schirm und nicht Schuh,
und tanzen durch Nächte, traumheiß ohne Ruh.

Erdbeerenzeit