Tee, fünf vor elf, die Dämmerung geht in die Nacht ein, Moskau im tiefen Dunkelblau, gegenüber Licht im Neubau, das ist das einzig symmetrische daran.
Roh und unbehauen bist du, wie viele, wie vieles. Und trotzdem einfach da. Wozu? Zum behauen werden? Doch nein – man will uns FORMEN. Schmerzlos? Rohe und unbehauene Gedanken. Keine Kraft, nichts sie zu vollenden. Sogar der Anfang selbst steht in Frage.
Lange schon wolltest du Andrej Makarewitsch sehen – auf einem Konzert schien das unmöglich zu sein. Wegen eines Konzertes ein Visum verlangen? Jetzt gibt es einen Film mit ihm. Völlig unerwartet schon der Fakt. Ähnlicher Inhalt. Der Film sitzt so gut dass du schon beginnst, ihn mit dem Leben in Moskau durcheinander zu bringen. Also der Film:
Es war ein wunderschöner Traum. Das Schiff im leichten Nebel, Musik, Frieden, Leute, Spaß und einfach so singen – so ganz ohne Text. Wenn du doch nur singen könntest. Du kannst es nicht. Und aus der Traum. Nicht getraut hast du dich. Dennoch wird der Nebel dichter. Schon siehst du nicht mehr, wer dir gegenüber sitzt. Der Gitarrenspieler ist es nicht – überhaupt sind alle verschwunden. Sie haben uns zu zweit gelassen. Du willst nicht zu zweit sein. Er ist nicht sie. Ob du was trinken möchtest? Was?
Was hat Dir an dem Film gefallen? Film? Ja, der mit dem Nebeltraum. Absolut wüster Film, sagst du, und fragst dich, wie wohl die anderen ihn aufgenommen haben. Man müsste sie fragen. Aber wen? Wie? Der andere ist immer noch im Nebel. Hört er zu? Was soll ich schon erzählen.
Ist er nun ein Poet? Meinst du der Andrej? Hhm. Schwer zu sagen. Er ist einer. Wieso? Der Film! Gute Texte. Ja. Er muss es schwer haben gegen so alle möglichen Vorurteile. Einfach so Musik machen – leichte, schwere, nicht nur zum Abspannen nach der Arbeit, zum Einspannen eher. Und so zu sein. Da ist er wieder – der Gitarrenspieler. Geht der Traum weiter? Das Schiff ist kleiner geworden. Ganz klein. Zu einem Zimmer. Er steht in einem Studio. Hinter der Scheibe: die Anderen. Die, die anders sind. Na und – lass sie doch anders sein!
Aber sie lassen dich nicht anders sein. Und wer weiß ob sie Recht haben? Aber wo ist da das Recht? Sie befinden einfach, dass der Gitarrenspieler gut ist, aber in ihren Sender nicht hinein passt. Schließlich sehen Millionen diese Sendung. Millionen, die sich erholen wollen.
Wollt ihr nicht nur, dass sie sich erholen wollen müssen? Da sagt der andere es schon: ich brauche keine Erholung. Ich will leben – wozu ausruhen? Na und, wie willst du das machen? Du musst viel zu viel machen, was dich fertig macht. Da brauchst du Erholung. Und wenn du dich nicht fertig machen lassen willst? Sie machen dich aber fertig. Den Andrej auch noch.
„Wer ist Sie?“, fragt der Nebel.
Sie, sie – die immer mehr fordern, immer mehr wollen. Wer sind diese Leute? Namen! Werfen wir sie raus. Richtig! Das meinst du – alle raus? Wen denn nun?
Wen? Jetzt bist du allein. Es ist dunkel. Ich kann sie nicht sehen. Auch den Nebel nicht. Und wenn es nicht sie sind – sondern der Nebel? Wer ist der Nebel? Er ist das, was wir noch nicht wissen – das was wir noch unklar sehen. Ja.
Jetzt ist alles klar. Aber völlig dunkel. Nur der Gitarrenspieler es zu hören. Er singt ein Lied ohne Text. Keiner hat Schuld, jedenfalls nicht die ganze. Die wirklich Bösen sind die wenigsten. Die meisten wollen das Beste für sich und für andere, aber sie wissen nicht, wie sie es machen müssen. Und wir sind alle zu bequem. Keiner will irgendwas auf sich nehmen. Wenn es schiefgeht – was wird dann mit dir? Aber wenn es dadurch gar nicht geht – was wird dann mit uns? Das ist doch völlig aussichtslos! Wenn das so ist – keiner traut sich was, dann brauchst du doch gar nichts mehr zu tun. Schluss aus.
Ach so – jetzt sollst du es wieder nicht so ernst nehmen. Aber nehmen wir mal an, du machst was und es geht schief – Schluss für dich? Dafür bist du nicht blöd genug.
Und wenn es so wäre, dass Abwarten härter bestraft wird, als Pech und Versagen? Das kann keine bewerten. Wieso nicht? Wenn wir ehrlich, sind geht das! Quatsch! Ehrlich! Wo denn? Eben darum geht das alles nicht. Wer hat denn gesagt, dass das alles auf einmal kommen muss? Wir müssen hinein wachsen – uns ändern geht nur, wenn wir unser Zusammenleben ändern. Und umgekehrt: unser Zusammenleben ändert sich nur mit uns. Das klingt dir viel zu logisch. Das wird nichts – schau dich doch um! Andrej wird nicht gebraucht.
Irgendwie ist der Film alle. Hast dich schon leer geschrieben. Und die Worte zwischen Micha und dir immerzu. Worte können sehr hindern! Wir haben total andere Erfahrungen. Also auch andere Vorstellungen. Und außerdem kannst du reden was du willst – das klingt alles so unmachbar, so , so gegen ihn gerichtet, dass er alles total ablehnt.
Da hilft es auch nicht, wenn du schwörst, dass du nichts gegen ihn hast, dass er bei Gott bloß so leben soll, wie er will. Er bräuchte doch bloß zum Spaß mal einfach mitspielen, Träume spielen. Wenn er mit den Folgen nichts anfangen will – läßt er‘s. Hast Du Angst vor der Differenz zwischen Wissen und eigener Tat?
Das könnte es sein – was du erzählst, ruft Konsequenzen hervor, die unmöglich sind für einzelne. Die nur für alle möglich wären. Und du schaffst es nicht, den Gedanken klar auszusprechen, dass wir langsam anfangen müssen – nehmen wir doch die Differenz zwischen Wort und Tat in Kauf. Erst einmal. Du weißt doch – wenn du sofort so sein wolltest – es müsste schiefgehen. Zu früh? Nein, einfach an der falschen Stelle. Also wärst du heute im Unrecht. Aber dir liegt es nicht, dauernd nach Augenblickslösungen zu suchen, ohne weiter zu schauen. Es macht einfach Spaß: Träumen. Was alles sein könnte. Um dann allmählich so zu werden. Am schönsten ist es, alle Wege zu gehen – nicht nur vor und zurück. Und das wird keine Anarchie. Wir müssen nur die Gesellschaft entsprechen aufbauen. Im Zusammenwirken von einzelnen Menschen, ohne anderen zu schaden.
Wie so eine Gesellschaft aussehen müsste, hast du nur ganz ungefähre Vorstellungen. Braucht es gemeinschaftliches Eigentum an allen großen Werten? Braucht es eine Zentrale, die sich mit allgemeinen Prozessen in der Gesellschaft befasst – Befehlsgewalt – bei weitestgehender Dezentralisierung der Gesellschaft? So dass jeder Mensch sein Wirkungsfeld kennt. Demokratischer Zentralismus? Wird es durch Dezentralisierung möglich sein, viele Ideen und Lebenswege nebeneinander zu entwickeln? Als Einwohner einer Stadt sieht jeder, was er mit seiner Arbeit für sich und seine Freunde, Mitmenschen, tun kann. Was ist mit der Verbreitung einer sehr toleranten öffentlichen Meinung? Der Versuch, an den anderen zu glauben, und wenn das nicht geht, ihn nicht zu stören. Ehrlich miteinander reden. Und wie geht eine Leitungsstruktur, die zum Neuen, zum Risiko anregt? Braucht dies nicht eine starke materielle Basis, die Verluste entschädigen kann?
Jedenfalls wünschst du dir eine lockere Atmosphäre, die Diskussionen jeder Art zulässt, die freundschaftlich und nicht formal Ergebnisse abrechnet, die das Neue liebt. Wo man auch Blödsinn machen kann und nur für bösen Unfug bestraft wird, wo man sich mal besaufen kann, wo man einfach mal nichts sagen braucht, wo man einfach mitmachen kann, wo einem einer zuhört und mitmacht, wo du nicht alles allein sein musst, wenn du nicht willst, wo nicht andere entscheiden, was für dich wichtig ist, wo du auf der Straße losschreien kannst manchmal, wo du Arbeit hast, die dir Spaß macht, wo du was erreichst, wo man dich kennt, wo du singen lernen kannst, tanzen, malen, fliegen und so vieles mehr.
Du willst dich fertigmachen. Aber du willst dich nicht fertigmachen lassen.
