22.-28. Januar 1990
Endlich wieder Moskau. Du fragst dich nicht, was du dort willst, es ist einfach ein Gefühl, das dich dorthin zieht. Und das dich dieser Betrieb hier nach Moskau schickt, daß heißt eigentlich nach Obnisk, ist eine so wunderbare Möglichkeit, du wagst es nicht einmal, ein Telegramm zu schreiben. Immer wieder denkst du: „Das kann doch nicht sein… da kommt doch noch was dazwischen.“
Und dann fährst du Sonntag abend nach Berlin, zur gleichen Zeit, als Vater den letzten Versuch unternimmt, seine Parteiorganisation noch einmal zu einer Tat zu bewegen – und zwar zur Selbstauflösung. Als du eine Woche später wieder von ihm hörst, hat auch er diesen verrosteten Mechanismus, den auch ein neuer Antrieb nicht mehr in Bewegung versetzen konnte, verlassen. Schwersten Herzens. Nicht einmal mehr auflösen lässt sich dieses verkrustete Gebilde, und so scheitert auch der Versuch, die noch lebendigen Teile gesammelt zu retten. Also rette sich wer kann und der tote, wie eh und je alles einengende Apparat der Partei wird von den neuen Parteien, als Zielscheibe benutzt – bis zur völligen Zerschlagung. Das spart Denken und schafft Wählerstimmen. Die „Große Idee“ aber, vergewaltigt von Großen Führern und kleinen Verführten wird mit ihren mißgestalten greisen Frühgeburten gemeinsam gehenkt. Sie war einst die Schönste von allen. Zu schön um frei zu sein und geworfen ins finstre Loch. Nun sind die Gitter zerbrochen, doch wer hilft ihr ans Licht? Es ist nicht mehr die Zeit des großen Käfigs, nein, jeder hat seinen eigenen längst, so bequem er ihn braucht und zu klein für die kleinste Idee. Es ist die Zeit voller Hoffnung. Doch eigentlich wolltest du von Moskau erzählen, von deinen Lieben dort.
Auch am Sonntagabend schaffst du es nicht mehr, den ersten Tagebrief ins Russische zu übertragen. Wirst du aber alles so erzählen können, wie du es möchtest? Auch nochmals zu Hause anzurufen gelingt dir nicht, du nimmst zwar deiner Schwester Stimme wahr, aber sie hört dich nicht. So schreibst du noch einen Brief für Dara: „Nun ist alles fertig, es geht auf Mitternacht, die Kerze wärmt den Tee, ich esse noch eine von diesen Apfelsinen. Du schläfst sicher. Gerade denke ich daran, wie sehr ich mich heute darauf gefreut habe, als Du endlich diese Hose gegen das graue Seidenkleid getauscht hast… und auch daran, dass immer, wenn Du die Angst einer Entfernung zwischen uns spürst, Du ungeheuer anziehend wirst… bin gleich wieder bei dir, ja?“
Zu Hause
Daß du wirklich nach Moskau fliegst, glaubst du erst, als dir Rainer am Montagmorgen das Ticket in die Hände drückt. Er war es auch, der es wollte, dass du mit nach Obninsk kämst, dort etwas reinzuriechen und ihm mit dem Russisch zu helfen. Im Flugzeug liest alles Zeitung – du legst sie nach einigen Minuten enttäuscht weg: wie immer nur Entlarvung und Gerede, kaum Wissen, nichts Durchdachtes… langweilige Berichterstattung. Auf dem Flughafen in Moskau würdest du dir am liebsten sofort dein Ticket umbuchen lassen, für den spätmöglichsten Rückflug. Aber ein Auto wartet bereits. Und schon fällt die Stadt in deine weit offenen Augen: das Grau des Wohngürtels, der die Stadt umklammert, die protzigen Bauten der Glanzzeit an den Hauptstraßen, die zerfetzte Architektur der Altstadt, Menschenschlangen.
Das Büro von Interatomnergo liegt mitten in Kitaigorod, der alten chinesischen Siedlung. Dort können wir endlich die Tickets umbuchen, Rainer und Klaus wollen schon Freitag zurück, für dich findet sich noch ein Platz in der letzten Maschine am Sonntagabend. Geschafft. Dann bleiben noch zwei Stunden bis zum Bus nach Obninsk. Zunerst kramst du dein Zweikopekenstück hervor, jenes am Bindfaden, mit dem man unendlich lange telefonieren kann, und suchst ein Telefon. Wolodja erreichst du auf Arbeit, bei Leonows ist Nina zu Hause, mit Dima verabredest du dich für sofort, d.h. in einer Dreiviertelstunde, am Konservatorium. Wie er wohl so schnell von Tschertanowo aus dorthin kommen will? Nur Darrth ist, wie immer, nicht auffindbar. Als du dann die Treppen zur Szerowa hinaufsteigst, überfällt dich ein Gefühl, dass dich die Straße hinauf tanzen lässt: Doma. Zu Hause.
Zum hundersten Mal versetzen dich die verlogenen Namen auf den Straßenschildern in Wut, und in Traurigkeit: wann wird Moskau endlich entfesselt? Dima braucht doch etwas länger und als du ihn endlich kommen siehst, wir uns entgegen laufen, begrüßen, berühren, da wird alles so leicht in dir: du bist da. Das Café hat natürlich „Sanitäre Stunde“, also laufen wir durch die Straßen. Dima hat ein Mädchen kennen gelernt, beim Französisch. Bei ihr, sagt er, muss er erstmals keine Angst haben, „ein deutsches Schwein zu sein“. Schade, viel erzählt er nicht von ihr, nur dass sie viel zu wenig Zeit hat für ihn, zumindest nicht für Orgelkonzerte…
Ein Orgelstudium scheint noch immer der einzige Weg für Dima zu sein, der von Moskau fortführt. Nur fehlt ihm bislang die Zustimmung der Baptistengemeinde. Auswanderung scheint nicht möglich: für seine deutsche Herkunft hat er keinen Beweis, seine Familie hat alle Papiere vorsichtshalber vernichtet. Höchstens, dass der KGB nach der Erschießung seines Großvaters noch etwas aufbewahrt hat. Nur wird in Moskau so schnell niemand die Geheimpolizei stürmen und auflösen. Und der Rassenhass wächst weiter. Ein Schulfreund von ihm soll im Wald von „Pamjatch“-Leuten umgebracht worden sein: Das Mädchen, in welches er sich verliebt hatte, gefiel auch einem dieser „Denkmals“-Pfleger… war es wirklich so? Schlimm genug, dass es möglich scheint.
Und ringsum hasstet alles ruhig weiter. Der Kreml steht fest und rot, rote Mauern, roter Marmor, rote Fahnen, rote Sterne. Werden auch hier, wenn einst die Sterne fallen, so gleich die Mauern weiß gestrichen? Und irgendwo auf der Rasina, vor der bedrückenden Front des Rossija, fragst du Dima nach Sonna. Er weiß nichts davon, dass du ihr nicht mehr schreiben darfst. Du kannst es ihm schlecht erklären, Sonna wird es nicht gefallen, wenn du ihm davon erzählst. Außerdem sind wir nicht für so schwieriges gestimmt. An der Ampel willst du unbedingt bei Rot hinüber (man muss es doch nutzen, wenn man sonst nicht darf), doch Dima hat seinen Spaß daran, dich festzuhalten. Dafür bremst du dann, als grün kommt. Dazwischen erzählt er dir, dass er gestern erst bei Sonna war. Wieso? Die Prüfungen sind doch vorbei? Irgendein Preppo hat wieder mal in einem sinnlosen Anfall die Zulassungen so aufgebauscht, dass die erste Prüfung schon vorbei war, als sie hin durfte – aber bisher alles bestanden.
Was nun? Sie ist also doch in der Stadt, zumindest noch zwei – drei Tage. Sie nicht sehen – unvorstellbar. Und was, wenn sie dich fortschickt? Oder alles so verspannt wird und ihr Herz wieder losrast bis zur Lähmung, dass sie die Prüfung nicht schafft? Du darfst nichts tun was ihre Zeit hier gefährden könnte. Vielleicht könnten wir uns wenigstens kurz, mehr zufällig begegnen, dass ein Blick dir eine Richtung gibt zwischen den unmöglichen Wünschen? Wird nach der Prüfung nicht zu spät sein? Weiß nicht mal der Teufel! Und Dima erzählt und erzählt. Du kommst bei den vielen neuen Namen ohnehin nicht so schnell mit. Er scheint recht oft mit Teili–Mädchen um Sonna zusammenzusein. Du kannst dir gut vorstellen, dass ihm das gefällt. Er braucht endlich etwas Mensch. Nur wirst du sie wohl nie kennen lernen…
Die Abfahrt von Interatomenergo verzögert sich natürlich und uns bleibt noch Zeit. Dima fragt vorsichtig, ob er im April noch einmal nach Berlin kommen könne, ob Dara nichts dagegen hätte. Nun, du denkst, Dara wird sich schon mit ihm vertragen, und wenn Dima gar zu sehr „rummehrt“, dann musst du ihn eben etwas in Bewegung bringen. Schließlich, schon am Bus, bedeutest du ihm die Arme gerade vor zu strecken, legst deinen geborgten Koffer darauf und holst für ihn noch den ersten Tagebrief heraus. Erzählen kannst du ihm nicht alles, so wird er vielleicht fragen.
Die Busfenster beschlagen schnell, du gibst das Hinaussehen bald auf und schläfst ein. Wenn sich dir die Außenwelt von Zeit zu Zeit bemerkbar macht, dann nur durch Kurven und starken Branntweingeruch aus einer sich weiter vorn immer wieder öffnenden Flasche.
Obninsk
Die Stadt das ersten Kernkraftwerkes kommt dir wieder einmal sehr bekannt vor. Sie entsetzt dich von der ersten Stunde an. Alle Bautechniken sind vertreten, Baukünste aber außer der GroßArtigkeit der aufstrebenden SowietMacht – keine. Das Institut für Atomenergie hat in einem der Blocks eine Etage gemietet. Die ZweckMäßigkeit steht steinern am Straßenrand.
Wir scheinen im besten Hotel untergebracht. Jeder bekommt ein eigenes Zimmer, für uns drei gemeinsame Küche, Esszimmer und Bad. Nach einer halben Stunde soll es zum Abendessen gehen. Der Bus kommt zur Zeit, jedoch das einzige Restaurant, welches geöffnet hat, lässt unsere Delegation draußen stehen. Irgendwo hat sich die Bestellung im Sande verlaufen. Der freundliche Mensch vom Institut entschuldigt sich vielmals. Niemand scheint traurig zu sein, es gibt Schlimmeres. Dann finden wir in einer Art Hotel noch eine Stolowaja, Brot, Kaffee und Kuchenbrötchen. Ein großes Messer geht um – zum Verteilen der Fleischstücken, die plötzlich aus dem Nichts auftauchen.
Der Abend endet am Fernseher. Du machst uns noch einen Tee und versuchst nach Moskau anzurufen. Kein Durchkommen. Auch nicht am nächsten Morgen. Diesmal läuft alles wie geplant und unsere RGW-Beratung beginnt fast pünktlich. Was du hier eigentlich sollst, außer gelegentlich einige zusammenfassende Übersetzungen zu liefern, bleibt unklar. Die Beratung läuft in einem Kinosaal ab, die Teilnehmer legen Meinungen dar und äussern Wünsche, welche statistischen Daten, die mal besser, mal schlechter sein sollen… Viel hin und her. Meist einigt man sich nicht, dann werden eben die verschiedenen Standpunkte ins Protokoll aufgenommen. Unser kleines Land aber scheint wenig Interesse an diesen Vorgängen zu haben, denn auch die beiden anderen schweigen entschlossen zu Allem.
Endlich Schluss. Inzwischen hast du herausgefunden, wie es zum Bahnhof geht. Da auch einer von den Moskauer nach Hause will, bringt uns gleich der Instituts-Raffik zur Bahn. Auch dieser Moskauer hat nicht gerade die beste Meinung von dieser Beratung, meint aber erleichtert, er sei nur als Beobachter hier und müssen nichts unterschreiben.
Ein Darrth-Besuch
Elektritschka. Holzbänke. Feuchte und Müdigkeit. Lautsprecher klirren Stationsnamen. Kiever Bahnhof. Endstation. Tunnel zur Metro. Und schon ist Obninsk vergessen. Den Weg bist du noch vom ersten Kurs gewohnt, als wir dort an der Kiewskaja immer auf Papiersuche gingen. Von der Aviamotornaja aus gehst du dann am MEIS (Московский электротехнический институт связи) vorbei zum, Studentenstädchen, vorbei an der Steklaschka, jener Einrichtung, wo wir gleich in den ersten Tagen des Studiums „Gretschka“ kennenlernten und uns darauf hin lieber selbst was kochten. Nun, inzwischen kannst du auch Gretschka ganz gut essen, wenn auch das kein Verdienst dieses Abspeisesaales ist.
Die Wächterin im Aspirantenwohnheim begnügt sich mit deinem alten Studentenausweis. Außerdem sagt dir die Alte auch gleich, wo du Darrth finden kannst, nämlich in der Dusche. In diesem engen, feuchten Raum, dessen verfallende schimmelnde Hässlichkeit nur durch die dicken Dampfschwaden verdeckt wird, steht er dann auch, tropfnass und überrascht.
Er gibt mir die Schlüssel und du gehst erst mal nach oben. Sein Zimmer, nur durch die Bezeichnung Bude beschreibbar, sieht stark nach Arbeit aus. Als er dann kommt, schieben wir das Geschirr auf dem Tisch zusammen und machen uns etwas Essbares. Braten müssen wir das Ganze leider in der Küche, was nicht so einfach ist. Egal, wo du etwas abstellst – wasche es besser anschließend ab. Aus dem Hahn fließt ununterbrochen heißes Wasser, den Schaben tut die Wärme gut. Darrth berichtet, dass gerade gestern sauber gemacht wurde, weil der Syph einfach zur Tür rausquoll. Viel hätte das aber nicht geschadet, liegen doch auf dem Flur die Dreckhaufen dicht bei dicht… Irgendwie ist hier im letzten Jahr jeder Rest von Organisation verschwunden. Und keine Möglichkeit, etwas zu ändern? Interessiert keinen. Und wenn es erst einmal so aussieht, schmeißt jeder seinen Dreck ins nächste beste Waschbecken. Ein Vietnamese, der auf diese Weise vor Stefans Augen „sauber machte“, meinte dazu ganz trocken, in seiner Heimat machten das die Frauen und außerdem zahle er hier doch Miete. Na fein, zehn Rubel im Jahr. Darrth, nicht locker lassend, verfolgte ihn bis aufs Zimmer, trommelte die halbe Etage zusammen… Ein sauberes Becken von einem Dutzend. Wie weiter?
Wir machen’s uns mit Darrth am Tisch bequem und sprechen erst einmal, wie anders, über unsere neue deutsche Politik. Auch in Moskau ist so langsam alles eingeschlafen. Partei und FDJ ruhen (in Frieden). Die Singe hat zu krieseln aufgehört – es gibt sie nicht mehr. Die letzten Raduga-Proben endeten mit dem Beginn der Sonntagsversammlungen „Zur Lage“ in der Botschaft. Warum zum Teufel ist es bloß wichtiger, sich wie im Kino von der großen Politik berieseln zu lassen, statt an sich selbst zu arbeiten? Wer wann eine Million unterschlagen hat und wer wo neuer Minister wird, das erfährt man doch noch rechtzeitig, oder? Die Perestroika-Anfangs-Stimmung ist vorüber. Jetzt soll es hier nicht einmal mehr einen geben, der mit Freude auf einem Instrument spielen kann. Wurde denn die ABF–Auswahl so sehr verfeinert?
Ein Name aber taucht immer wieder auf: Sonna. Darrth bleibt kühl, aber er erzählt. Ja, er hat mit ihr über diesen dummen Brief gesprochen. Über jenen, wo du ihm schriebst, er solle sich nicht nur in der Arbeit vergraben, sondern sich auch mit den Menschen um ihn herum beschäftigen. Sonna. Du hattest dich irgendwie unglücklich ausgedrückt, zu schnell geschrieben, er las das Ganze dann auch noch Sonna vor und das Chaos war da. Sonna fühlte sich verraten und kam nun überhaupt nicht mehr gegen ihre Unsicherheit an. Seitdem schreiben wir uns nicht mehr. Für Darrth aber scheint das alles nach wie vor nichts übermäßig Beunruhigendes zu sein, vielleicht eben eine Überreaktion, eine Art trauriges Zwischenspiel ohne Saxophon. Du weißt nicht. Wenn er doch nur nicht so sehr auf Abstand ging. Als er deine unsichere Frage, ob du zu ihr gehen solltest oder noch nicht, auch noch mit dem Unvermeidlichen „das musst du selber wissen“ beantwortet, möchtest du ihn am liebsten in den Kühlschrank sperren. Du knurrst aber nur so etwas wie „ich hasse diesen Satz“ und wir gehen rüber.
Es ist bereits 23:00 Uhr. Die 1526, das berühmte unendlich große Mädchenzimmer, ist leer und verschlossen. Also gibt es nur noch einen Weg: zu Sonna. Darrth klopft, öffnet, du hörst ihre willkommende Stimme. Noch stehst du ganz draußen, hinter der Flurtür. Als Darrth sagt, da sei noch jemand, antwortet Sonna: „soll er doch reinkommen…“, und dann geht’s nicht mehr anders. Sie macht ihr Angebot nicht rückgängig, aber es ist als ginge ein Beben durch das ganze Haus. Als auch du dann im Zimmer stehst und die beiden Mädchen, offensichtlich „Teilis“, begrüßen darfst, spürst du, wie dir die Knie zittern. Du kann dich überhaupt nur an ein einziges Mal erinnern, wo du so schwach auf den Beinen warst – das war bei unserem ersten Auftritt im RGW Gebäude: du wollte einen Text vortragen und hattest gleich anschließend noch ein Lied zu spielen und alles zum ersten Mal. Du dachtest unablässig daran, ob man wohl sehe, wie es dir ginge und ob so eine Hose wohl genügend Schutz sei. Endlich geschieht etwas. Wir packen ein paar Kerzen, die Flasche Wein und einige Kleinigkeiten ein und gehen nach oben, zur 1526. Die drei Mädchen wollten sich gerade zusammensetzen, nun aber, mit uns beiden, wäre es unmöglich, die ihrer Prüfung entgegenschlafende Sweta nicht zu wecken.
Wir erzählen über irgendwas, nicht viel. Nico ist auch mitgekommen, aber nach dem Abend mit Darrth hast du keine Lust mehr auf Politik und Studium. Nach und nach füllt sich das Zimmer, du kennst längst nicht alle. Die kleine Tanja, voller Probleme, spricht lange mit Darrth. Maja schaut kurz rein und du fühlst dich wie von einer Welle dem Boden entzogen. Wir begrüssen uns, berühren uns, aber es ist nicht die Zeit für einander. Sie setzt sich ein paar Minuten zwischen Sonna und dich und du bekommst keinen Satz zustande. Dann fliegt sie weiter. Irgendwohin in diesen Höhlenbau. Und viel später erst sagt Sanna: „komm“. Ihre Stimme klingt bestenfalls nach es- geht-nicht-anders. Draußen fragst du: „Wohin gehen wir?“. In die Küche. Es gibt sonst keinen ruhigen Ort in dieser Nacht.
Und langsam, schwer, schwerfällig erzählen wir einander. Pausen entstehen. Maja fliegt an der offenen Tür vorbei: ob wir noch immer „beraten“ würden. Du findest das Wort unmöglich, und unerträglich ist es, sie so nah zu wissen. Stets mußt du dich von neuem mit deiner Unteilbarkeit abfinden. Gegen drei bringt Tanja eine halbe Flasche Weinbrand und zwei Gläser, dann schaust du nicht mehr auf die Uhr.
Wir sitzen auf dem steinernen Boden, Sonna lehnt an der Heizung, dir werden langsam alle Glieder steif. Immer mehr Erlebnisse fügen sich mit Gefühlen zusammen. Sie erzählt jeden Bach, der in ihr Erleben mündet, ausführlich beschreibend, in seiner Schönheit, seinen Tiefen und Wirbeln, mit all dem Schmutz, den er mit sich bringt und gegen den es keinen Damm gibt. Wohin sie selbst aber flieht, bleibt ungewiss. Vielleicht bist du ein See? Nur der Wasserspiegel hebt und senkt sich mit der Zeit und Winde wühlen das Wasser tief auf. Fließt nicht genug zu, so fließt auch nichts ab, das Wasser wird salzig und bitter.
Zwischen uns ändert sich nichts, wir können miteinander sprechen, aber nicht mehr. Nicht einmal uns schreiben. Ihr ungutes Gefühl, ihre Angst vor erneutem Unverständnis wurzelt tief. Die unbedacht offene Sprache der vergangenen Briefe hat nur Unordnung erzeugt, nicht einmal Chaos, geschweige denn Ordnung daraus. Immer wieder steht der Darrth-Brief zwischen uns, der sie furchtbar erschreckt haben muß. Nein, so tief hast du dir ihre Liebe zu ihm nicht vorgestellt, allzumal Darrth nicht die geringste Antwort erkennen läßt. Aber fühlt er sich überhaupt gefragt? Manchmal blickt diese schweigende Frage aus dem Dunkel in unsere kalte Küche und schaut auf uns beide, die wir sorgsam jede Berührung vermeiden.
Als du endlich aufbrichst, hast du schon die dritte oder vierte Elektritschka verpaßt, du setzt dich in die nächste, knabberst ein paar Kekse und schläfst ein, noch bevor sie abfährt. Statt um neun, bist du halb zwölf in Obninsk. Keinen scheint es zu stören. Du bist froh, daß Übersetzen mit Sprechen verbunden ist und also wach hält. Als die Beratung sich zum Ende immer mehr hinzieht, wird es unerträglich. Kleinigkeiten türmen sich auf, Meinungen werden eigen, es wird vier Uhr, fünf. Erst um sieben schaffst du die Bahn nach Moskau und nach zwei Stunden Halbschlaf tauchst du wie in Watte verpackt in die Metro ein.
Adelina und Wladimir
Auf gut Glück fährst du zu Adelina – doch sie sind alle zu Hause. Wladimir ist mit seinem Anton beschäftigt und Adelina. Ihre Schwester und die Großeltern spielen mit. Die große Schwester ist vor kurzem ausgezogen, so dass nun leidlich Platz ist in den vier kleinen Räumen. Anton spielt mit Buchstabensteinen, als solle er mit zwei Jahren schon sein erstes Gedicht schreiben. Selbst der große Wasserball ist mit Schriftzeichen bedeckt und etliche davon kennt er bereits. Dennoch ist es viel schöner, von wo wo Wolodja die Luft geworfen zu werden, wobei Antons Jubel des lachen sogar den unvermeidlichen Fernseher übertönt.
Zunächst gehst du erst einmal duschen. Inzwischen wird Anton ins Bett gebracht und Adelina kümmert sich um etwas Essbares. Suppe gibt es, Reis mit Geflügel, Brot und Käse, Wolodja holt eine sorgsam gehütet Flasche Gin aus dem Schrank und als der noch junge Großvater sich zu uns setzt, werden Revolutionsneuigkeiten ausgetauscht. Von der Umgestaltung scheint hier nur noch das „Um“ geblieben, die Geschäfte leer und selbst Glasnost spricht sich eher aus wie Phrasnost. Besonders deutlich übrigens in Obninsk: weiß gemalt auf rotem Grund,neben Heldengesichtern, Schornsteinen und Lochstreifen und dem altbekannten „Ruhm der Partei“.
Ungeteilt ist die Freude über die deutsche Oktoberrevolution, so sehr sie sich auch vom Sozialismus weg bewegt. Und die Hingabe an den einzigen Klassenfeind? Schlimm schon, aber es GESCHIEHT wenigstens ETWAS. Du kannst auch nur Bruchstücke erzählen, noch ist vieles offen – zum Glück. Viel lieber erzählst du vom berliner-club oder von unserer Töpferrunde. Du denkst, jede solcher Vereinigungen, außerhalb aller politischen Macht-Erfolgszwänge, ist mehr wert als eine beliebige Partei. Diese verwickelte Parteienstruktur, der Blätterwald, diese Verdunkelung – wenn das nicht aufhört, glaubst du, wächst die Selbstverdummung in die Selbstzerstörung hinüber. Nun kann niemand die Parteien verbieten… Aber eine Gegenkraft müsste es geben: die Idee der Wiedereinführung der Volksentscheidungsgesetzgebung, Initiative, Nutzung der Medien, Volksbegehren, Volksentscheid, sagt dir außerordentlich zu. Nur muss das nicht nur auf Landesebene sondern auch tiefer möglich sein.
Irgendwann kommt die große Müdigkeit, der Gin hat nachgeholfen. Hier darfst du in der Küche schlafen. Als alles schon still ist ringsum, öffnest du die Balkontür. Es ist sehr warm. Eine Weile schaust du draußen auf den riesigen Ziegelbau gegenüber, überall Schlaf. Schneeluft. Zu Hause.
Gegen sechs weckt dich Adelinas Mutter. Sehr vorsorglich, aber du musst erst um sieben los. Adelina macht ihrem Sohn seinen Brei und wir frühstücken gemeinsam. Er füttert dich mit Solomka, einer Art Salzstangen ohne Salz. Dann gehen die beiden wieder schlafen und du fährst zurück. Diesmal hättest du dir die Fahrt nach Obninsk auch sparen können. Als du gegen zehn ankommst, ist alles zu Ende. Irgendwo ist die Diskussionswut der Russen versiegt. Wir trinken noch einen Kaffee du holst die Sachen aus dem Hotel und schon wieder sitzt du in der Elektritschka. Wieder geht es zu Darrth. Seinen Schlüssel hast du von ihm. Natürlich ist er nicht da und so gehst du wenigstens einmal in ein Kaufhaus, ins Maskowskij. Der Platz davor ist mit dem rekonstruierten Kulturhaus der Eisenbahner noch schöner geworden, im Kaufhaus allerdings werden die Regale abgebaut. Leere. Bei Glas steht Waschpulver, bei Keramik stehen Brotkörbchen, bei Elektronik nichts. Dennoch dasselbe Gedränge. Erstaunlich?
Takaa
Inzwischen hast du Dara auch das versprochener Telegramm geschickt. Aber die ursprüngliche Telegrammzeit ist vorbei, es schreibt sich schwer. Ob sie wohl inzwischen Frank getroffen hat in Berlin? Und wenn die beiden Zeit haben könnten für einander – irgendwas verrücktes würde da bestimmt entstehen. Später dann, am Arbat, kaufst du einem dieser Straßenpoeten ein Heftchen ab. Seine politischen Satiren und Zynismen hatten rings um Beifall gefunden. Als du ihn bittest, dir noch seine Adresse aufzuschreiben, fragt er dich ob du ihn nicht einladen könntest nach Berlin. Es ist nahezu unmöglich, dieses Land auch nur für einen einzigen Tag einfach so zu verlassen.
6.3.1990
Bei Darrth erscheinst du mit Brot und Milch. Wenigstens hungern brauchen wir nicht. Er fühlt sich krank, erkältet, und beschließt, sich auszuschlafen. So gehst du allein deinen alten Weg zum Wohnheim hinüber. Die seit dem Video-Raub vorhandene Milizwache hält dich nicht auf. Es ist ja auch nur eine Kooperative, die außerhalb des normalen Dienstes für Geld Wache schiebt. Du suchst Takaa. Oben ist niemand. An der Tür ein Zettel: „Andar, ich bin jetzt auf Arbeit. Ich bitte dich sehr: Warte. Takaa.“ Du siehst das Blatt an. Lange. Du hörst ihre Stimme, fest und fordernd, ganz nach Lust und Unlust und voller Fragen und Fühlen. Du kannst es wohl immer noch nicht glauben, daß sie gerade erst fünfzehn ist. Was wird wohl hier mit ihr werden? Wenn sie nur jetzt ihre Schule schaffen würde. Nach acht Jahren war es für sie in ihrer Klasse unerträglich geworden, dort wo es kaum einen Unterschied gab zwischen Dreck und dunkler Haut. Kindergrausamkeit gegen alle, die anders sind?
Jetzt aber heißt es täglich arbeiten und nebenbei lernen. Langweiliger geht’s nicht. Es geschieht einfach nichts. Darrth versucht sie zu überzeugen, die Schule in der halben Zeit abzuschließen – doch dazu hat sie erst recht keine Lust. Inzwischen lebt sie nur noch in der 1526, zu ihrer Mutter kommt sie einmal im Monat.
Du bist ungeheuer neugierig auf sie – nur: Was dann? Bis um zehn bleiben zwei Stunden. Unentschlossen schlenderst du die Treppe hinab, genau auf einen unvermeidlichen Zufall zu: Sonna. Wir atmen beide tief durch. Und wieder ihr „Na los, wenn du schon da bist, dann komm.“
Morgen hat sie Prüfung und braucht alles andere als dich – zuerst liefert sie dich bei Gernot ab. Der paukt Mathe und du sollst ihm helfen. Letztlich bleiben dir aber dafür nur 20 Minuten, wir erklären uns gegenseitig irgendeinen Satz aus der Raumlehre, dann kommt Sonna. Abendessen bei Nico. Du habst natürlich Hunger. Wir erzählen allerdings, ganz wie nach Sonnas Art, erst noch eine ganze Weile mit Gernot. Nico empfängt uns dann unten schon ganz verzweifelt vor dem Suppentopf. „Macht nichts“, behauptest du frech und los geht’s. Es ist immer wieder schlimm, wie die Prüfung die Menschen belastet, dabei bleibt kaum etwas hängen. Es ginge auch ohne. Gegen zehn gehst du dann mit Sonna Richtung 15. Etage, Takaa suchen. Auf der Treppe erzählen wir uns fest. Einige Male möchtest du sie an ihre Bücher schicken, aber du bringst es nicht fertig. Sie schwankt zwischen Pflicht und Wunsch. Als dann nach fast einer Stunde Takka von oben kommt und fragt, warum sie nicht lerne, wird Sonna echt böse. Sie faucht Takka an und geht. Dich schüttelt es bei soviel Krallenzeigen – aber du kannst Takka nicht mal ungefähr erklären, was sie eben angerichtet hat. Wo solltest du da anfangen? Also sagst du ihr nur, daß du Sonna recht gut verstehst und daß es das Beste sei, sie jetzt so zu nehmen, wie sie ist, ohne Fragen. Wir gehen hoch. Du weißt nur eines: dieser Donnerstag wird kein Ende haben.
Aus irgendeinem unerfindlichen Grund macht Takka nicht nur was zu essen, sondern bringt auch noch einen Fernseher an, der eigentlich seit 20 Jahren ins Museum gehört. Was soll’s, wir bringen ihn sogar dazu, Bilder und Töne von sich zu geben. Die Bilder allerdings sind schwach und trüb und als du den Schein der Lampe auf den Bildschirm richtest, stellen wir einhellig fest, daß „Mehr Licht“ noch weniger sehen läßt. Daraufhin beschließen wir, daß der Fernseher doch besser in einer Ecke stehen sollte, und daß der Tisch zum Essen gebraucht wird. Dann kommt noch eine reichliche Menge Mensch, auch Sonna und die Teili-Mädchen, es wird Tee gemacht, erzählt. Prüfungsangst und du – das geht nicht gut für Sonna. Und auch du wärst lieber mit Takka allein. Dann kommt noch Oleg und erzählt für eine Stunde nur Witze und Blödsinn – nicht gerade von Feinsten. Wir schwanken laufend zwischen lachendem Entsetzen und entsetztem Lachen. Am meisten sind zur Zeit natürlich Armenier-Witze gefragt. Was dem einen der Krieg ist dem andern ein Witz.
Irgendwann sind plötzlich alle verschwunden. Du bist allein mit Takka. Was nun? Jedes Wort erscheint hohl und langweilig – und dauernd hast du das Gefühl, ungeschickt zu erzählen. Dabei ist so viel zu sagen, und noch mehr zu fragen. Sie erzählt, warum sie nicht mehr zum Sljot mitfährt, zum Singetreffen im Wald, wo wir uns zum ersten Mal sahen. Damals war sie die von allen bestaunte Schwester ihres großen, erfahrenen Patricks. Der stellte sie überall vor und niemand störte sich an ihrer Hautfarbe. Nächtelang Lieder, Erzählungen, Feuer. Und immer im Schutze Patricks, der ihr alles zeigen wollte. Nun aber ist Patrick verheiratet, und seine Natascha wacht eifersüchtig über jede Stunde. Dafür haßt Maja sie geradezu. Ohne den Bruder begann für sie der Sljott-Alltag mit seinen unbefriedigten Überspanntheiten. Alkohlol und Sexmangel. Als schöne Dunkelhäutige sah sie sich wehrlos in die Zelte der Einsamen gezogen, so als sei das Gesetz stumpfe Gier. Da ließ Takka die Sänger allein an ihrem Feuer frieren.
Nur eben – etwas anderes gibt es nicht in Moskau. Jetzt fliegt sie, bunter Vogel, über die Stadt, heimatlos über all zu Gast. Wohin? Alle denkbaren Ziele sind endlos fern. Sprachen könnte sie lernen – aber erst nach der Schule. Und bis dahin? Die Mädchen aus der 1526 und auch Sonna nehmen sie nicht als ihresgleichen an. Jedem seine Probleme. Sie wohnen gemeinsam, sehr offen und lieb zwar, doch ohne Gemeinsamkeiten und jeder bleibt letztlich für sich. Und Takkas noch wunderbare Neugier fragt nach allem, was sie nicht versteht. Ihr Glaube aber, alles erfahren zu dürfen, wird nicht angenommen. Die drei Mädchen leben auf eine geheimnisvolle Weise alle mit einem Menschen eine Berührung, jede hat einen anderen Namen dafür. Und das schweigende Verbot zu fragen. Irgendwann kommt Max herein. Er kommt und gehört sofort dazu. Wir fragen uns, wie verschieden Liebe sein kann. Takka meint, zwei Menschen zugleich zu lieben sei unmöglich. Doch daß kaum jemand nur einen lieben kann, weiß sie längst. Also? Max erzählt viel. In seiner ruhigen Art liegt eine große Zuversicht. Er selbst ist verheiratet und liebt Tanja. Die Liebe bleibt auf Worte begrenzt – Tanja selbst hat ausschließende Ansprüche. Für Max aber ist seine Liebe einfach schön. Wozu noch lange Worte?
Takka aber ist völlig allein. Und wieder kommt dir Darrths Satz in den Sinn, sie könne ebensogut eines der bestbezahlten Freudenmädchen Moskaus sein: sie kann nicht ewig so vor sich hin leben und wenn sie die Arbeit schmeißt, braucht sie trotzdem etwas zu essen. Und alle sehen zu. Was kannst du tun, 2000 Kilometer weit weg? Irgendwann am Morgen fragst du sie, ob sie dir schreiben wird, richtig schreiben – über sich, über ihre Zeit. Ja, sagt sie, ja. Du möchtest sie berühren, küssen – erst als sie sich dann schlafen legt, streichst du über ihre Haut, du darfst. Chwatit, ah? Genug… Schlaf. Schlaf Du zuerst. Du möchtest lachen und weinen zugleich, setzt dich ans Fenster und schaust auf Moskau. Dazwischen immer wieder zu ihr ins Dunkel. Sie schläft. Und als dir endlich die Augen zufallen beginnen schon die Träume. Nur in den Augenblicken davor denkst du noch: Wie könnte ein Haus aussehen, ein Haus für alle Freunde? Ein großes Zimmer nur mit weichem Stoff, Musik, ein anderes mit großen Tischen, ein guter Tee, ein dutzend Zimmer, bescheiden eingerichtet, viel ebenerdiges, Bücher, ein großes Bad und Wein im Keller und Raum für die Liebe unterm Dach oder dem weiten Balkon überm wilden Garten. Werkstatt und Atelier übern Hof und wer’s braucht ein stilles Zimmer für Denken und Arbeit. Du würdest an allen Zimmer mit malen. Vielleicht könntest Du Nähe bringen zwischen die Menschen, Unverfühlnisse lichten. Als Zimmer genügte dir eine Ecke in der Bibliothek. Es könnten Gäste kommen mehr als Platz ist, und wer für lange kommt ist erst recht willkommen. Die Arbeiten könntest du alle mit Andara teilen, unsere Kräfte gleichen sich sehr. Vielleicht, daß du einen Nagel leichter treffen kannst und sie besser Ordnung hält, doch das ist nicht wichtig.
Lang war die Nacht nicht. Kurz nach elf wachst du gleichzeitig mit Tanja auf. Du setzst dich zu ihr ans Bett und sie fragt dich mit ihren großen Augen, wie wir in Berlin leben. Ihre Zukunft soll Obninsk heißen und das ist das Ende. Du versuchst, vom berliner klub zu erzählen – doch was soll sie hier ähnliches beginnen? Ungeheure Ausweglosigkeit macht sich breit. Jeder lebt in seinem turmlosem Raum, beugt sich nur manchmal weit aus dem Fenster in die schwindelnde Höhe hinaus, erblickt vielleicht etliche Stockwerke tiefer einen anderen Suchenden, und schreit. Tanja hat es gewagt, den Raum übers Fenster zu verlassen, sich Stück für Stück über eine schräge Wand zu jemandem höher zu ziehen, in einen Raum, in dem ihr Lehrer wohnt, ihr Guru. Der Geheimnisvolle mit den vielen Namen. Wie lange reicht seine Kraft? Gerade für den Abstieg zurück ins eingene Gefängniss? Wir schauen uns still an und du weißt, auch sie ist ein Mädchen für unser Traumhaus und niemand weiß, wie Träume lebendig werden.
Takka wird wach, schaut auf und will weiterschlafen: „Arbeiten? Lieber nicht dran denken.“ Du kitzelst ihre Fußsohlen, ihr Protest bewegt sich wütend lachend unter der Decke. Zum Frühstück gibt es den x-ten Aufguß vom Tee und zum Brot Tütensuppe mit doppelter Wassermenge. Aber es reicht für alle. Du darfst überhaupf nicht daran denken, wie wir in Berlin leben, es ist zum-aus-der-Haut-fahren. Takka quält sich weiter mit ihrer Arbeitsunlust und dir fällt nicht das Geringste zu sagen ein. Nur Blicke. Das Spiel wird ihr aber bald zuviel. Grrrr. Als sie losgeht ist es schon zwanzig Minuten zu spät. Du begleitest sie. Wir müssen diese furchtbare Straße hinauf, von der Semjonowskaja zur Elektrosawodskaja, Lärm, Benzin und Schneematsch. Dann vor dem Werk, berühren sich noch einmal unsere Gesichter. Du läst sie einfach nicht los. Mit einem Ruck trennen wir uns. Lachend. Plötzlich wüten die Motoren in einem kreischendem Rhythmus: „ihr könnt mich alle mal! Ich bin da!“
An den Metro rufst du Adelina an. Eigentlich wollte sie heute in eine Ausstellung in der Menage gehen, irgendein Besuch hindert sie daran. Auch Dima sagt dir am Telefon, er habe keine Zeit. Und Sonna woillte schon am Morgen nicht. Allein? Du gehst zu Darrth. Der, ausgeschlafen, sitzt noch über Blättern und Diagrammen. Du machst uns was zu trinken und da endlich gibt er dir eine dicke Mappe: seine Texte, wahllos. Du liest. Die politischen überfliegst du nur. Dann sind da etliche Ich-Gedichte. Immer wieder Selbstzerlegung in Wissenschaftler, Musiker, Schreiber und und und. Furchtbare Logik. Dazwischen immer wieder, viel zu selten, Worte zu seiner Liebe. Vorsichtige, verschlossene, tiefe. Was er schreibt und auch später erzählt, läßt erschrecken. Mit Sonna ein eiskalter spröder Bruch. Du hast die beiden noch so nah in Erinnerung. Das Ende kam, als Darrth zu ihrem Geburtstag nach Berlin geflogen war. Sie hatte die vier Tage keine Zeit, ging Vorlesungen besuchen. Ihr Ehrgeiz tötet. Dann ein Abend voll intellektuellem Gerede. Auch Sonna hatte dir schon entsetzt davon geschrieben. Immer wieder Neues Forum und jeder gibt seins dazu: Senf mit Zucker oder Marmelade mit Brühwürfeln, nichts kräftigendes jedenfalls. Und Darrth auf dem Abstellgleis verschließt sich, kaum daß er Sonna ein wenig in sich hinein sehen ließ. Unbemerkt blieb er hinter seiner Maske festen Wissens. Seither vergräbt er sich zwischen seinen Turbinenschaufeln und taucht nur zweimal die Woche mit seinem Saxophon zu den Proben mit seiner Band auf.
Es hat keinen Sinn, mit ihm jetzt lange über Sonna zu reden. Außerdem darfst du nicht. Irgendwann kommen wir dann auf die Autoritätssucht der Menschen. Besonders Dara, meint er, ordne sich gern jemandem unter, der ihrer Meinung nach Autorität habe. Unabhängige Meinungen dagegen hätten bei ihr viel weniger Chancen. Du hast darüber noch nie so nachgedacht. Darrth führt Olar als Beispiel an, doch das hälst du nicht für gelungen – da war natürlich auch Olars Autorität, die Dara überrannte, nur eben noch viel mehr… Du bist dir nicht sicher, was Darrth alles weiß. Erklären kannst du es ihm jetzt nicht. Schreiben? Ja, schreiben. Du möchtest viel mehr Zeit haben mit Darrth. Was wir anreißen, müßte weitergeführt werden. Auch das Gespräch zu seinen Texten. Einige möchtest du gleich ändern. Doch was nützt ihm das? Du beschreibst lieber deine Gefühle zu seinen Zeilen. Formfragen bleiben am Rand.
Sonna
Nach ein paar Stunden haben wir uns erst einmal leergeredet, du lässt Darrth schlafen und gehe rüber. Zu Sonna. Daß sie die Prüfung bestanden hat, weißt du bereits. Genau in ihrer Tür treffen wir zusammen, sie will gerade zu Darrth. Wieder das gleiche unausweichliche Spiel, sich anschauen, weit ausholen, um die eigene Ruhelage schwingend. Wir gehen nach oben. Sie hat von einem verlassenem Teilizimmer die Schlüssel. Zeit zum Erzählen. Die Flasche Wein wandert nun mit uns. Kahler, kühler Raum, nur von uns gefüllt. Einziger Aufenthaltsort sind die zwei matrazenbelegten Bettgestelle. Jeder bekommt eins für sich. Und endlich gelingt es dir, einmal längere Zeit selbst zu erzählen, ohne ihrer wunderbaren Wortgewalt zu erliegen. Das Falda-Unverfühlnis zu Weihnachten: Darrth hatte ihr schon davon berichtet, doch kaum das wesentliche. Was war geschehen? Toro, im Sommer bei uns, lernte zuerst Daras Schwester und dann auch deine kennen. Falda war sehr gern mit ihm zusammen, endlich jemand, der sie nahm wie sie ist. Mara aber ging es ähnlich und im Gespräch machte sich dann wohl ihr besseres Englisch ganz gut. Alsbald war Toro mal hier, mal da, ein echter Cubaner. Falda beschloß Spanisch zu lernen und Mara schrieb laufend Briefe auf englisch. Wir aber in Berlin hörten nichts mehr von Toro. Weihnachten endlich wollte er nach Berlin kommen. Im Sommer schon hatte er Falda davon erzählt. Seitdem freute sie sich darauf. Und Mara schrieb statt ihrer Briefe und lud ihn zu sich ein. Falda nun dachte, Toro bei uns in Berlin zu treffen. Erst ein paar Tage von dem weihnächtlichem Fest, ruft Mara dich an: Du, Toro kommt erst nach den Feiertagen. Er hat mit seinem Diplom viel zu tun, will die Familienfeier nicht stören… und er kommt zu mir. Du bist viel zu verwundert ob dieser Wendung, als daß du lange nach Falda fragen könntest. Dara kommen am Abend aber böse Gedanken, ob Mara, die doch wissen müßte, wie sehr Falda aus ihrer Einsamkeit raus muß, nicht heimlich gegen Falda gearbeitet hätte. So rufst du noch einmal Mara an, aber trotz großem Geldverbrauchs erfährst du nichts. Nur, daß Mara schon lange wußte, wann Toro kommt und sich einfach nicht entschließen konnte, es uns zu sagen: wegen Dara. Sie fürchtete genau das, was nun eintrat: Daras bösen Widerwillen ob der vermeintlichen Ungerechtigkeit gegen Falda. Endlose Vermutungen. Als Falda dann nach Berlin kam, konnten wir ihr nicht einmal erzählen, wann Toro wirklich kommt. Wir fürchteten unsere Antwortlosigkeit. Dann kam jener verrückte Nachmittag. Wir wollten uns zwischen viertel und dreiviertel vier am Schlesischen Tor treffen. Als du aber mit Darrth hin kam, war von beiden keine Spur. Wir standen eine Weile unter der Hochbahnuhr, er erzählte von seinen Berechnungen zur Pumpkraft künstlicher Herzen, und dann gingen wir seine hundert Mark Begrüßungsgeld abholen. Als wir eine Station weiter zur U1 hinaufgehen, fährt uns die Bahn vor der Nase weg. Wir laufen langsam zur Bahnsteigmitte, schon naht der nächste Zug, öffnen die Tür und sind sprachlos: Vor uns sitzen Dara und Falda, die nach einer halben Stunde vergeblichen Wartens allein losfahren wollten, so wie wir auch. Wir berichten einander, wer wo stand und stellen fest, wir müssen alle blind gewesen sein, auf zehn Meter einander nicht zu entdecken. Unklarst. Leider hilft dieser Zufall nicht, eine gute Stimmung zu bewahren. Kaum in Kudammnähe sucht Falda wie verrückt irgendwelche weißen Schuhe, aber überall nur schwarz. Es beginnt zu nieseln. Du willst Darrth immer noch etwas von Berlin zeigen und Dara fühlt sich mit Falda allein gelassen, die keinerlei Lust auf Fußwege zeigt. Du magst leisen Regen. Spannungen kreuz und quer. Du kannst es nicht ernstnehmen, willst noch zur Bibliothek – und das war zuviel. Tränen und Wut begleiten uns uns bis zurück. Erst Darrth hat einen rettenden Einfall: er kauft Falda Schokolade. Vor Erstaunen vergißt sie ihr Leid eine Sekunde, und schon ist es leichter.
Auch von unseren Weihnachtsbesuchen erzählst du Sonna. Wir hatten ein Dutzend kleine Geschenke zurechtgemacht mit ein paar lieben Worten und gingen durch ganz Berlin zu allen lieben Menschen die wir kannten. Dies schien auch Falda zu gefallen. Als du dann aber am Rosenthaler Platz für einen Augenblick beim Erzählen den Weg verlorst und das dummerweise auch noch sagtest, hattest du gleich Dara und Falda gegen dich: Sag sofort, wo’s langgehen soll! Du aber läufst doch mehr nach Gefühl und kommst doch auch immer an. Daß du nur sagen konnte ‚ungefähr dort‘, war ihnen zu wenig. Wir kamen überhaupt nicht mehr miteinander zurecht. Und selbst als nach zehn Minuten alles gefunden war, blieb der häßliche Ton. Irgendwann meinte hier Sonna, sie könnte so nicht leben, wenn immer wieder solche Häßlichkeiten aufbrächen. Sie sprach davon, daß sie es furchtbar findet, wie wir mit Dara uns manchmal
anfeinden. Sie kann so nicht und will schon garnicht mehr zwischen uns geraten. Sie ist selbst in verzweifelter einsamer Spannung, würde zerbrechen an den Erschütterungen, die wir beide uns zufügen. Vielleicht können wir nach Jahren einmal etwas gemeinsames leben – unvorstellbar jetzt. Dazu muß daß Erdbebengebiet zwischen dir und Dara erst zur Ruhe kommen. Und Sonna ihre Wurzeln schlagen können.
Und plötzlich wieder Darrth. Du fragst Sonna, warum sie sich bei einem ihrer vielen Darrthbesuche, wenn er wieder mal nicht aufweckbar ist, nicht einfach neben ihn legt. Eben so: Du möchtest gerne und er wird sich höchstens wundern. Einfach nur Nähe. Darrth kommt nach seinen letzten Erlebnissen nicht mehr von allein. Aber Sonna schüttelt sich nur: „Kann ich nicht!“ Ach Mädchen, schlimm wie wir uns selbst verbauen. Und wieder rinnen Erzählungen, jede ein Stück Leben, ein Zündholz in der Kälte. Sonna sagt nach einem Jahr in diesem Land: „Ich bin
hier zu Hause“ – wem deutscher Geburt ist dies je gelungen? Auch über Takka sprechen wir lange. Sonna will und kann ihr nicht erzählen so wie dir. Letztlich traut sie ihr nicht. Takaa fühlt sich ihrerseits von allen ausgeschlossen. Es ist schon ungewöhnlich, daß eine sechzehnjährige zwischen Studenten lebt, doch die gewohnten Regeln gelten bei Takaa nicht. Doch immer wieder verschließen sich die Menschen voreinander, ja vor sich selbst: Selbstschutz. Noch einmal Zeit haben für Moskau! Ein Wunsch ohne Sinn?
Wieder naht ein Morgen und auch Sonna fallen die Augen zu. Der Wein war gut – ein Gebräu mit 16 verschiedenen Kräutern. Jetzt erst berühren wir uns zum ersten Mal und nur ganz leicht. Hier in dem kahlen Zimmer bleiben ist wenig anziehend. Wir gehen hinunter zu ihr. Dort schläft Sweta. Katja, die Teilstudentin, welche die obere Hälfte von Sonnas Doppelstockbett bewohnte, ist seit gestern wieder fort – dort liegen nur ein paar Schachteln und Tüten. Du verspürst nicht die geringste Lust dort aufzuräumen, doch kannst du dir nur schwer vorstellen, daß das was du ihr zu Darrth gesagt, auch noch auf dich anwendbar wäre – nach all dem unSinn zwischen uns. Sonna fragt, ob du ihr nicht den Schlafsack öffnen helfen könntest, der Reißverschluß klemmt fürchterlich. Mit etwas Wachs geht es. Dann verschwindet sie unter dem zur Decke gewordenen Stoff und du bleibst einfach bei ihr. Bis zum äußersten müde, läßt sie sich in den Schlaf streicheln. Viel später erst erzählt sie, daß es ihr ähnlich ging im Streit ihrer Gedanken mit den Wünschen der Haut.
Du mußt noch an Takaa denken. Sonna hatte dir erzählt, daß Takaa doch nicht am Abend zu ihrer Mutter gefahren war. Sie war die ganze Nacht im Wohnheim. Die Mädchen waren alle weg. Takaa allein? Wohl kaum… doch in dir spürst du den Wunsch, sie möge auf dich gewartet haben. Bist du nicht deshalb nur bei Sonna, weil es leichter ist bei ihr? Du hast Angst vor Takaas Wildheit, spottet dein Verstand. Du wehrst dich schwach: es hat sich eben so ergeben und ist es etwa nicht gut, du alter Besserwisser? Was soll das werden mit Takaa – drei Tage! Aber du bist nicht ehrlich, geißelt er weiter. Sollst du Sonna denn nur quälen mit deinen Gefühlen, wo du sie doch lieben möchtest? Plötzlich schickt dein Peiniger dich mit einem Schlag in den Schlaf: Du Idiot!
Früh morgens geht Swjeta. Wir bleiben zu zwein. Die Haut erwacht eher als wir. Wir brauchen Zeit, unsere neue Nähe zu begreifen. Es gibt kein Warum, nur ein Wie, unsere zweifelnden Stimmen klingen wie von weit her. Wir begleiten unsere ersten Worte mit den Händen, suchen wieder unsere Sprache. Zu tief sitzt der Unglaube an die mögliche Liebe. Kein sich hingeben, es bleibt ein unsicheres Spiel mit der eigenen Lust. Es ist ein Uhr, als wir uns Tee machen zum Frühstück. Sonna will am Abend fliegen. Die Interflug meldet sich nicht.
Unten am Telefon versuchst du noch mit Dima einige gemeinsame Minuten zu verabreden, als auf einmal Olja vor uns steht. Und wieder ein wunderbarer Augenblick der Nähe. Noch immer ist die leise suchende Freude in ihren Augen. Wir staunen uns an, brauchen kein Wort. Und doch ist Olja viel fertiger jetzt, nicht mit sich, aber gefertigt von dieser unWelt. Das ist es, was Sonna mit Unnahbarkeit meinte. Was aber macht sie dir so nah? Da war nur eine unfaßbar kurze Zeit, ein zehnter Oktober, ein Sljot, wir, des Weges unkundig, wartend auf Andrej Mir, am Ende eines einsamen Bahnsteiges vor Moskau. Ihre tastdende Art zu sprechen gefiel dir. Die Alltagssicherheit fiel schnell von uns ab, in unsere Stille hinein, wehte davon mit den dunklen Blättern der Herbstbumen. Als die noch wärmende Sonne hinter ihnen versank, traf Andrej ein. Wir machten uns auf den Weg. Dara kam erst viel später in der Nacht von einem ihrer letzten Raduga-Auftritte, und du gingst den mondlichten Weg zurück, sie abzuholen. In jener Nacht spürtest du stark wie nie diese Abneigung gegen zuviel deutsch, gegen fremd bleiben. Die Stimmen am Feuer, die Lieder zogen dich ungleich mehr an.
Drei Tage später, Dara war wieder zu Olar gefahren, und du wußtest nicht mehr wohin. Raus vor die Tür, vielleicht kommt sie, doch der Herzschlag nimmt dir den Atem. Im Zimmer drücken die Wände. Länger Warten ist unmöglich. Du gehst zu Oleg, fragst wo Olja zu finden sei. Es war der Geburtstag deiner Mutter und du nahmst eine Flasche Wein mit. Es was das erste Mal, daß du in die 1526 gerietst. Zum Abendessen war das Zimmer voll Mensch und Gespräch. Und alles so anders, als bei ‚unseren‘ Deutschen, aber auch anders als bei den Russen, die du kanntest. Schon die Wärme mit der jeder Eintretende begrüßt wurde schuf Nähe. Es war die Zeit der Auflösung des Komsomol, oder seiner letzten Umbildung vielleicht. Irgendjemand gab feierlich seinen Austritt bekannt. Wie weiter? Olja wollte, daß etwas gemeinsames bliebe. Aussichtslos angesichts des allgemeinen Zerfalls? Es schien sie sehr zu beschäftigen, zu sehr für die lauten Gespräche ringsum.
Wir gingen hinaus auf den Balkon. Und wieder ihre tastende Stimme, in den Nachtwind hinein. Vor uns lag das blinkende Moskau unter den Spitzen der Stalinbauten. Du warst unendlich froh, jetzt nicht in diesen toten Zimmer auf Dara warten zu müssen. Auch Olja schien nicht schlafen zu wollen. Mit einem Mal aber stand Dara hinter uns, furchtbar erregt, zerrte dich fort, schrie und weinte – du konntest weder begreifen noch Olja ein Wort noch sagen. Erst auf dem Gang ahntest du, daß Dara dich mit wahnsinniger Angst und Eifersucht gesucht haben muß. Nun drehte sich alles – sie war zurückgekommen und fand dich nicht wartend, sondern erst bei Olja, welch Unsinn, du fühltest ein verzweifeltes Lachen in dir aufsteigen, einen irrsinnigen Spott. Im Zimmer fetzte Dara diese dreiste Blatt mit der Aufschrift „WUT TUT GUT“ von der Wand. Alle übrigen Bilder, gemeinsam befestigt, kamen hinterher. Hilflos setzt du dich zu ihr ans Bett – wie diese fremde Wut überwinden? Sinnlose Frage. So schnell es gekommen war, war das Gewitter vorüber. Daras Himmel war von Wolken wieder rein und du setztest dich blöde lachend auf den Trümmerhaufen deines ersten Traumes von ihr.
Olja, gerade von zu Hause gekommen, fragte, ob du nicht gleich mit nach oben kämest. Aber du willst noch zu den Leonows, heute ist die letzte Gelegenheit. So verabreden wir uns für den späten Abend. Sonna fühlt sich durch den Mißerfolg mit dem Flug und die
späte Stunde, es ist bereits drei, wieder völlig eingeengt. Du fragst sie vorsichtig, ob sie denn wirklich heute fliegen müsse. Die Antwort ist das reine Unverständnis mit sich selbst. So wird das nichts: „Du gehst jetzt zu Darrth und ruhst dich dort aus. Und du besuchst inzwischen Leonows. Hm?“ Sie ist einverstanden. Du fühlst dich gleich um die Hälfte leichter. Darrth schläft zwar, ist aber leicht zu wecken. Du erklärst ihm, daß Sonna jetzt ein wenig bei ihm schlafen wird und er also auch ruhig liegen bleiben kann. Du räumst noch deine Sachen vom zweiten Bett und verschwindest.
Bei Leonows gibt es nach wie vor alles, was Rußland zu bieten hat, auch wenn das Einkaufen immer schieriger wird. Wieder und wieder mußt du vom deutschen Umsturz erzählen – wir werden beneidet. Gena hofft weiter auf seine Arbeit als Konstrukteur. Lange kannst du nicht bleiben. Zuletzt bitte er dich, ob du für Swjeta und ihren Freund nicht über einen Bekannten eine Einladung
nach Westberlin besorgen könnest – als eine Art Hochzeitsreise. Du willst es versuchen.
Wieder im Wohnheim findest du Olja schon fast schlafend. Wir machen uns noch einen Tee, Sonna kommt von Darrth zurück – geschlafen hat sie aber nur drei Stunden. Takka schaut auch noch mal vorbei, will aber noch fort. Am liebsten bliebst du bei Olja, selbst wenn sie einschliefe. Sonna aber hat weder Lust, sich auf dem Bett gegenber einzuringeln, geschweige denn allein hinunter zu gehen. So streichlest du Olja nur, trägst sie ins Bett rüber und läßt dich von Sonna fortziehen. Auch diese Nacht ist kurz. Noch immer ist dir unbegreiflich, daß du Sonna wieder berühren darfst. Kein Ende der Entdeckungen nimmt dich mit der angestauten Lust der letzten Tage, schon kein dürfen mehr, nur noch wollen. Mag sein, du bist auch Darrth-Ersatz – und wenn schon. Kein Zurück. Wohin auch? Du spürst ihre Ungeduld, die sich nicht mehr lange streicheln läßt. Du lässt dich überfallen, dann erst liefert sie sich deinen Händen aus. Es ist Sonntagmorgen und die Glocken gehen vorm Haus. Ihr irr hastendes Spiel klingt mit der Morgenluft herein. Ob der alte Glöckner wohl ahnt, wie oft er schon Liebende begleitete mit seinem rasenden Spiel? Was ist anders mit Sonna? Nichts… es ist, wie es ist… wir berühren einander, längst ahnend, daß unsere Liebe nicht Zufall sondern Dauer. Nur fürchtest du Daras Urteil, eben weil es ein Urteil zu werden droht und kein tiefes Gefühl. Oder sollte sie wirklich so ausschließend fühlen? Wie aber kann sie dann andere lieben? Was steht noch immer zwischen uns? Dann wieder sind dir alle Fragen egal – was kann es natürlicheres geben als Verlangen nach Liebe? Niemand darf dies verurteilen, schlecht davon denken oder gar sprechen! Die Glocken singen und lachen.
