Die Mitwatschler

An einem gemütlichen kleinem Teich unweit einer großen Stadt geschah es, daß die dort lebenden Enten einen Beschluß faßten. Dieser bestand darin, eine Schar junger Enten an einen See, tief im Walde gelegen, zu entsenden. Die Kleinen sollten dort in unberührter Natur bei erfahrenen Enten das Fliegen erlernen.

Zwar fiel den Entchen die Trennung von ihrer Heimat nicht leicht, doch als sie eines Morgens eins nach dem anderen auf dem schmalen Uferpfad davonzogen, vergaßen sie bald alle Sorgen und schnatterten nur noch über ferne Seen und große wilde Enten. Damit sie im Wald einander nicht verlören, begannen einige der weiter vorn watschelnden fröhliche und laute Lieder zu singen. Ach, klang das lustig , wie die kleinen bunten Entenkinder so durch das hohe Gras marschierten.

Dennoch gab es sogar unter den Enten einige Mitwatschler, denen der Gesang nicht gefiel. Außerdem fragten sie sich, ob es denn überhaupt angehe, daß ihre ausgewählte Schar einfach so lustig singend durch den Wald watschelte. Was sollten die anderen Tiere denken? Etwa, daß da ein Haufen wildgewordenen Schreihälse das schöne Gras zertrat? Nein, das ging nicht an!Besonders eine etwas dicke Jungente, die ganz am Schluß lief, versuchte sich immer wieder als Sprecher für Ruhe und Ordnung. Sie meinte, daß weil sie ja als letzte schließlich in aller Fußtapfen trete, sie auch die größten Erfahrungen haben müsse.

Eines schönen Rasttages, als die Enten ihre Stimmchen an einem Bächlein kühlten, machte sie ihren Vorschlag : „Enten! Wir können nicht länger blind durch den dunklen Wald watscheln! Laßt uns das Licht unserer Erfahrungen nutzen! Ich bin bereit, euch dabei anzuleiten.“ Die Mitwatschler waren begeistert: „Genau das ist es , was uns fehlt,“ sprachen sie, und „wir müssen uns unserer Aufgaben bewußt werden!“ Die übrigen Enten konnten gegen diese Idee nichts einwenden. Außerdem waren sie müde vom langen Weg, auf dem sie die ganze Zeit vorausgeeilt waren. Sie dachten ja immer nur an das Fliegen. Wie man sich allerdings dieser Aufgabe bewußt werden könne, ohne selbst zu fliegen, das verstanden sie nicht. Von diesem Tag an wurden die Abende zum Erfahrungsaustausch genutzt. Das heißt, ausgetauscht hatten sich die Enten immer schon – darüber, wie man leichter watscheln konnte oder wo man am besten etwas zu fressen fand, auch welche Lieder die lustigst seien. Nun aber gab es regelmäßig Anleitungen. Dabei erklomm die etwas dicke Jungente einen Stein und begann ihre Erfahrungen zu preisen , welche sie in der von den Enten ausgetretenen Spur gewonnen hatte. Die meisten Entchen langweilten sich dabei sehr, allzumal nur am Anfang des Abends ein Lied gesungen werden durfte. Doch nichts half ihnen. Wie hätten sie auch etwas dagegen haben können, die Erfolge der jungen Schar zu festigen. Nach einiger Zeit begann die Jungente von ihrem steinernen Podest aus zu fordern, daß nun alle so zu watscheln hätten, wie sie’s aus ihren Erfahrungen lehrte. Schließlich – Disziplin muß sein! Doch oh weh! Wie schwer hatten es nun die einst so fröhlichen Entchen – was sollten sie im dichten Gras, wo von einer Spur keine Spur war, mit der Gangart der Mitwatschler? Sie kamen nur noch mühsam voran, sogar am Singen hatten sie keine Freude mehr. Hätten sie doch nur eher den Schnabel aufgemacht, jetzt mußten sie auf das Geschnatter der dicken Jungente hören.

So geschah es, daß sie erst am See ankamen, als der Winter bereits einbrach. Die dort lebenden heimischen Enten waren längst in wärmere Gegenden aufgebrochen. Nun war es zu spät zum Fliegen. Was nutzten alle Watschlerfahrungen im Winter? Nur wenige der kräftigsten konnten den Winter überleben. Diese aber schworen sich, nie nie wieder auch nur einen Entenblick lang zu zögern, wenn es galt, das Fliegen zu lernen.

Zwischen Traum und Angst