Du wirst geboren ohne Deinen Willen.
Du wächst auf und unendlich ist Alles.
Du gehst mit Großvater auf den Friedhof und begreifst nicht, was sein Wort bedeutet „Hier wird mein Grab einst sein“.
Und Du stehst vor diesem großen Tor des Lebens und zweifelst: Dahinter kann doch kein Ende sein.
Die Weihnächte begannen, wie alles auf Erden, mit dem beschenkt werden. Zu den frühesten Geschenken gehört die kleine Eisenbahn, die es immer nur geliehen gab. Für eine kurze Zeit bis zur nächsten Weihnacht. Jeder verzweifelte Versuch, sie zuvor noch einmal herauszuholen endete mit bitterem Nein.
Auf dem Dachboden schriebst sommers du Tagebuch, winters war es zu kalt. So fehlen all die weihnachtlichen Einträge. Es blieb Erinnerung an Lichter, an Gerüche, den Duft des Kakaos in der Dose im Küchenschrank deiner liebsten Großtante in ihrem Haus ganz aus Lehm mit den schweren dunklen Vorhängen vor den Türen und dem Ölgeruch unter der Nähmaschine, wo du saßt während die Tanten Kaffee tranken. Ein Haus aus Lehm, aus Erde also, so wie es auch von uns hieß, daß wir daraus gemacht. Nicht aus Beton, dem Stoff der Zeit der Eltern.
In einer Weihnachtzeit starb deine liebste Großtante und niemand sagte nie wieder Goldsohn. Ein viertel Leben später ward auch ihr Haus wieder zu Erde. Die Gerüche blieben unvergeßlich, doch zu Kaffee, Zimt, Speck, Teppichstaub, Ruß und frisch gestärkter Wäsche kam vieles hinzu: Stadtgas, Chlor, Polystyrol, Zement, Koks, Benzin, Spee und das allgegenwärtige Formaldehyd neuer Möbel.
Die Zeit des Schenkens blieb auch mit den neuen Gerüchen, kam als Chemiebaukasten daher, aber auch als Großvaters Briefmarkensammlung mit dem Duft der Jahrhunderte. Weihnachtlich bleib auch der Weihrauch aus Räucherhäusschen und dem Schornstein des Hammerwerkes der Märklineisenbahn.
Viel später erst kamen die Klänge hinzu und auch sie begannen mit dem staubwarmen Geruch der Röhren des Radios dessen Sendernamen längst nicht mehr stimmten. Und wie anders war Beethovens Klang, ein Weihnachtsgeschenk mit allen Symphonien, in stereo. Nur die Kassetten rochen nicht nach der Musik. Weihnachten später stieß das Licht zur Musik, lichtorgelnd selbstgebaut und ganz ohne Beethoven roch es aus den Endstufen nach Strom. Die Gegensätze zwischen dem elterlichen „Freud Euch Ihr Kinder“ und dem eigenen Klang wurden größer und größer. Überbrückt nur vom Gong der Wanduhr und dem Glockenschlag vom Kirchturm, zu jener Zeit nur ein Zeitsignal.
Das einzig zeitliche unter dem Kirchturm war Großvaters noch leeres Grab. Nur wenn Du mit ihm daran vorüber gingst, sprach er über das Vergangene und seine künftige Statt. Nur fand er nie seine letzte Ruhe an diesem Ort. Gott lacht über unsere Pläne selbst im Tod. Und weiter ticken die Uhren und tönt der Glockenschlag.
