Tausend kleine Ängste

Gegen Ende einer ruhigen doch hungrigen Nacht träumte Krabat, er könne Smjala verlieren. Noch im Traum erschien ihm solch ein Gedanke so unsinnig,daß er nicht einmal Angst verspürte. Am Morgen aber las er seinen Traum in Smjalas Augen, gerade als die ersten Sonnenstrahlen auf sie fielen. Ringsum begann das Gras aus der Dämmerung zu wachsen und leuchteten tausende der kleinen roten Beeren auf, die er gestern noch auf Smjalas Augen legen wollte, als sie bereite genug davoh gegessen hatten. Smjala hatte sich abgewandt: diese Früchte der Erde seien, gut zu essen, doch zuwenig für ihren Hunger, und ob denn dieses Große Rote Land, wie sie es nannte, nichts anderes hätte, als unzählige solcher roten Krümel.

Erdbeeren dachte Krabat und überlegte,wie sie eigentlich aüf die Wiese gelangt waren.Ihm fiel auf,daß diese irgendwie unberührt zu sein schien. So könnte es gewesen sein, bevor er Smjala fand. Ein Paradies – nicht von Menschenhand – und nicht für ihn bestimmt. Nicht für ihn? Eine drohende Unsicherheit stieg in ihm auf – er wollte Smjalas Kirschen pflücken, doch die verwilderten Früchte schmeckten bitter. Nein, das war kein Glücksland mehr, wie er noch gestern hatte glauben wollen.Seine sichere Ruhe wich einer toten Stille. Verwahrlost die Bäume ringsum – nur diese Wiese mitten im großen Roten Land täuschte noch Glück vor. Erdbeeraugen. Auch Smjalas war er sich viel zu sicher gewesen. Auf der Suche nach ihrem gelben Kleid irrten seine Augen über das tauglitzernde Grün. Wo war sie nur? Fort? Schwcigend nickten die Erdbeeren im Wind.

Da begann Krabat zu laufen, immer schneller über das Rot. Blind vor Angst geriet er in einen finsteren Wald und als er an einer alten Eiche stolperte und der Länge nach hinschlug, wußte er bereits nicht mehr, wo er sich befand. Wie er so zwischen den knorrigen Wurzeln lag, glaubte er plötzlich wieder in der Stadt zu sein, die er mit Smjala für immer hatte verlassen wollen – Smjala hatte sie die Stadt der tausend kleinen Angste genannt. Es war eine reiche Stadt, gewiß, doch wurde ihr Reichtum schnell und unbedacht verteilt. Viele ihrer Bewohner hatten es sich leicht gemacht und nahmen sich, was sie nur bekommen konnten, ohne ein Gleiches dafür zu geben. So hatten sie zum Beispiel Häuser eingerichtet, in denen begehrte Waren an diejenigen vergeben wurden, die zuerst kamen. Schließlich, als mit der Zeit alle Gegenstände zu den begehrten Dingen gezählt wurden,hasteten sie nur noch von einem dieser Häuser zum anderen und warteten stundenlang, um ja keinen Vorteil zu verpassen. Dennoch war es Krabat nicht einmal gelungen, ein Geschenk für Smjala zu finden. Um nicht ständig Smjalas enttäuschten Blick vor sich zu sehen und weil er auch sonst nichts besseres fand, kam Krabat immer häufiger zu denjenigen Häusern in denen man verschiedene starke und brennende Getränke anbot. In der Menge meist in schwere schwarze Mäntel gehüllter Männer fand Krabat Vergessen und Ruhe, nicht wissend, daß dieses Vergessen ein ewiges sein konnte. Erst als er eines Tages von den Kindern erfuhr, an denen das Leben wie um sich an den Vätern zu rächen, nun seinerseits irgenetwas vergessen hatte, als er von den Kindern erfuhr, unfähig zu leben – da floh er mit Smjala aus der Stadt. Zu dieser Zeit begann in ihm der Gedanke zu reifen, daß er, um Smjala nicht zu verlieren, diesem Leben eine neue Gestalt geben müsse.

Sich wieder aufrichtend, fühlte Krabat den Blick vieler Augenpaare auf sich gerichtet – eine große Schar fetter alter Rabeni die auf der Eiche nisteten, fühlte sich in ihrem Schlaf gestört. Der oberste ,sicher älteste Rabe, rief Krabat an : „Was gefährdest du hier unsere Ruhe und Ordnung?. Weißt du nicht, daß man sich dem großen Rat, der alles entscheidet, tausend Flügelschläge vorher anzumelden hatl?“

Diese erhabene Sicherheit verwandelte Krabats Verzweiflung in Wut: „Was wollt ihr aus eurem Wald heraus wohl entscheiden? Und wo ist Smjala?“ Einen trockenen Ast vom Baum zu brechen und in die Krone der Eiche zu schleudern brauchte es nur einen Atemzug: „Packt euch – ihr habt uns lange genug schlecht beraten. Sucht euch gefälligst einen neuen Platz. Erschreckt flogen die schwarzen Vögal auf und umkreisten in sicherer Höhe ihren Baum. Doch kaum war Krabat ein Stück weiter gelaufen, nahmen sie den Baum bereits neu in Besitz und als alle saßen, sprach der älteste Rabe: „Wenn nun jeder seinen neuen Platz gefunden hat, so laßt uns in Ruhe abwarten, wie man mit dieser neuen Ordnung leben kann.“

Krabat seinerseits achtete nicht weiter auf die Raben. Erst viel später erfuhr er von seinem Freund Jakub Kuschk, der damals zufällig unweit der Eiche hinter einem Strauch bei einem Mädchen lag und nur deshalb Krabat nicht sofort nachgeeilt war, von Jakub Kuschk also erfuhr er den letzten Satz des ältesten Raben: Auch Krabat würde sich eines Tages in die Raben-Ordbung einfügen müssen. Da begriff Krabat, daß ein schwerer Ast allein nicht genügt, eine neue Gestalt zu schaffen für das Wunder Leben und er beriet sich sich lange mit Jakub ,wie die Sache denn nun anzupacken sei. Und Jakub spielte für seinen Freund das Lied: „Mägdelein, entscheide dich ,zwei Wege führn ins Glücksland nicht“, wobei Krabat meinte, daß zwar zwei entgegengesetzte Straßen nicht beide zum Glücksland führen könnten, aber der ganz grade Weg auch nicht immer der kürzeste sein müsse. Wer allen Fehlern ausweicht, kann sich im Notfall dann auch nicht mehr helfen. Jakub, der viele Lieder kannte, erzählte dann noch, wie er, mal allein, mal mit Freunden, versucht hatte, mit diesen seinen Liedern den Menschen Freude zu bringen und sie nicht vergessen zu lassen. Zuerst habe er immer nur laute und zuversichtliche Lieder gesungen – doch mit ihnen sei es wie mit den kleinen roten Beeren: auch ausgereift machten sie allein noch nicht satt. Und als er begann, seine unreifen Fragen zu singen, erhoben die Raben ein solch Geschrei, daß sie ihm nicht gerieten. Jakub faßte erst wieder Mut , als er mit Krabat beschloß, Lieder zu schreiben, die den Menschen besser ins Ohr gingen, als das Geschrei der Raben und die ab und an sogar die Raben zum Zuhörer zwingen.

Vogelfreiheit